Nachlese zum Grünen Tisch „Gemeinwohlökonomie als schöne Utopie oder reale Zukunftsperspektive“

Einige Unternehmen in Wien gründeten vor 10 Jahren die „Gemeinwohlökonmie“ basierend auf dem gleichnamigen Buch von Christian Felber. Mittlerweile umfasst die Bewegung  weltweit rund 11.000 Unterstützer*innen, 4.800 Aktive in über 180 Regionalgruppen, 35 GWÖ-Vereine, etwa 600 bilanzierte Unternehmen und andere Organisationen,  60 Städte und Gemeinden sowie 200 Hochschulen, die die Vision der Gemeinwohl-Ökonomie umsetzen und weiterentwickeln. Im Bundesland Salzburg haben bereits an die 50 Betriebe eine Gemeinwohlbilanz erstellt. Bei einem „Runden Tisch“ der Grünen Wirtschaft Salzburg am 14. Oktober diskutierten Sabine Lehner von der GWÖ-Regionalgruppe Salzburg, Univ. Prof. Klaus Firlei und Hans Holzinger von der JBZ mit Josef Scheinast, Sprecher der Grünen Wirtschaft Salzburg, über diesen Ansatz eines anderen Wirtschaftens.

Sabine Lehner betonte, dass die Matrix der Gemeinwohlökonomie mit ihren 20 Kriterien zu sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit Unternehmen als wertvolle Hilfestellung dient, genauer wahrzunehmen, wo der eigene Betrieb in punkto Nachhaltigkeit steht, was bereits an Sinnvollem umgesetzt wird und wo Verbesserungspotenziale bestehen. Die GWÖ-Zertifizierung sei somit nicht nur ein Kommunikationstool nach außen, sondern auch ein Entwicklungsinstrument nach innen. Zudem werden Unternehmen in Zukunft ohnedies angehalten, eine umfassendere Nachhaltigkeitsberichterstattung umzusetzen, wie dies die EU-Verordnung zur „nicht-finanziellen Berichterstattung“ für Unternehmen im öffentlichen Interesse ab 500 MitarbeiterInnen bereits jetzt vorschreibt.

Univ. Prof. Klaus Firlei unterstützte Vorhaben zur Verpflichtung von Unternehmen für eine erweiterte Nachhaltigkeitsberichtslegung, bezweifelte jedoch den Ansatz, Unternehmen nach komplexen Punktesystemen, die in Konventen festgelegt werden, auf unterschiedliche Art und Weise rechtlich zu privilegieren. Ein solches System sei weder mit dem Unionsrecht noch mit der EMRK oder dem österreichischen Verfassungsrecht kompatibel und würde einen Austritt aus diesen fundamentalen Regelwerken erfordern. Ein solches System stehe auch in Widerspruch zum Rechtsstaatsgebot und in Konflikt mit der parlamentarischen Demokratie und führen zu einer hypertrophen Bürokratie. Firlei plädierte dafür, die berechtigten Ziele einer Transformation in eine ökosoziale Gesellschaft über die bewährten Instrumente des Gesetzes und auch mit Hilfe erweiterter Grundrechte zu verfolgen und auf transnationaler Ebene eine gemischte Wirtschaft mit einem starken öffentlichen Sektor  zu verwirklichen [Vgl. dazu seinen Beitrag über „Strategische Intelligenz“ in dem Band „Hegemonie und Recht“]. Firleis Kritik richtete sich aber nicht gegen Gemeinwohlbilanzen und Bemühungen von Unternehmen, die schwierige Aufgabe einer Transformation in mehr Nachhaltigkeit konkrete zu leben, wohl aber gegen Vorstellungen, wie sie etwa von Felber vertreten werden.

Hans Holzinger von der JBZ, der sich seit längerem mit alternativen Wirtschaftsansätzen beschäftigt (aktuell im neuen Buch „Post-Corona-Gesellschaft“) bezeichnete die Gemeinwohlökonomie als erfrischende Bereicherung der Diskurslandschaft über Wirtschaftsansätze im Sinne einer pluralen Ökonomik. Zugleich würden die Unternehmen, die sich der GWÖ-Bewegung anschließen, ganz praktisch zeigen, dass neue Lösungsansätze mit einem erweiterten Verständnis von Unternehmenserfolg möglich sind. Er verwies auf aktuelle Studien, die sich mit dem Ansatz der GWÖ auseinandersetzen, etwa ein Band zu „Utopien und Sozialpolitik“ oder die Studie „Too big to do good?“ von Josefa Kny, TU Berlin. zur Gemeinwohlorientierung von Großunternehmen. In einer Stellungnahme der Österreichischen Arbeiterkammer zur Novellierung der EU-Verordnung für „nicht-finanzielle Berichterstattung“ werden verbindlichere Kriterien gefordert, da die bisherige Praxis nicht zufriedenstellend sei.

Einigkeit in der von Josef Scheinast moderierten Diskussion herrschte darüber, dass wir bessere, verbindliche Regeln und Vorgaben brauchen, an die sich alle Unternehmen halten müssen.

Foto: Michael Girkinger

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