Nachlese | Die Zukunft beginnt immer zuerst als Fiktion? Wenzel Mehnert beim Science meets Fiction-Festival

Die Zukunft beginnt immer zuerst als Fiktion. Das, was wir uns vorstellen können, ist das, was wir für die Zukunft erwarten. Die Science-Fiction arbeitet dabei konstant an unseren Vorstellungen mit, um unseren Blick auf die Zukunft zu verändern, zu erweitern aber auch zu verengen. So die zentrale Aussage im Vortrag von Wenzel Mehnert in der 169. Montagsrunde, die am 4. Oktober 2021diesmal im Rahmen des Science meets Fiction-Festivals stattgefunden hat.

Wenzel Mehnert ist Kultur- und Medienwissenschaftler und forscht am Institut für zeitbasierte Medien der Universität der Künste Berlin und an der Technischen Universität in Berlin. Sein Schwerpunkt sind die Verhandlung von neuen Technologien im Spannungsfeld zwischen Kunst und Wissenschaft. In seinem Vortrag zeigte er an historischen und aktuellen Beispielen, wie Bilder und Erzählungen aus der Science Fiction, aber auch Technikfantasien von Unternehmen Möglichkeitsräume und zukünftige Gegenwarten mitformen. So haben Zukunftsvisionen von General Motors zum Beispiel unsere Vorstellung von der Stadt wesentlich zu Gunsten des Autos geprägt. Mittlerweile gäbe es aber auch neue utopische Vorstellungen aus der Science-Fiction, wie Biketopia von Elly Blum, die eine Stadt der Menschen mit einer ganz anderen Mobilität darstellen. Dabei ist Wenzel gegenüber der Science-Fiction kritisch. So soll der verstorbene US-amerikanische Science-Fiction-Autor Frederic Pohl gemeint haben, dass eine gute Science-Fiction-Geschichte nicht das Auto, sondern den Stau vorhersagen können müsse. Wenzel sieht das anders und meint: „Eine gute Science-Fiction-Geschichte sollte mit etwas völlig anderem daherkommen, nicht mit dem Auto.“

Aufschlussreich war auch der von Wenzel eingangs zitierte Ausspruch von Alexander Humboldt, der den Fortschrittsglauben des 19. Jahrhunderts pointiert beschreibt und der bis heute unser Verhältnis zur Welt bestimmt: „Diejenigen Völker, welche an der allgemeinen industriellen Tätigkeit, in Anwendung der Mechanik und technischen Chemie, in sorgfältiger Auswahl und Bearbeitung natürlicher Stoffe zurückstehen, bei denen die Achtung einer solchen Tätigkeit nicht alle Klassen durchdringt, werden unausbleiblich von ihrem Wohlstand herabsinken. Sie werden es um so mehr, wenn benachbarte Staaten, in denen Wissenschaft und industrielle Künste in regem Wechselverkehr miteinander stehen, wie in erneuerter Jugendkraft vorwärtsschreiten“ (Humboldt, 1840 in Kosmos)

Ausgehend von diesem Blick auf die Welt, der mit verantwortlich ist für die Krisen und Probleme, in denen wir heute stecken, stellt Wenzel in seinem Vortrag zwei Thesen auf. Erstens: „Das Ende der Welt, wie wir sie kennen, ist das Beste, was uns passieren kann“, denn nur so könnten wir ein neues Verhältnis zur Welt entwickeln. Zweitens: „Das tatsächliche Ende der Welt ist erst dann erreicht, wenn wir nicht mehr in der Lage sind, uns die Welt anders vorzustellen.“ Dass es diese neuen Erzählungen durchaus gibt, machte Wenzel im dritten Teil des Vortrags anhand von neuen Strömungen in der Science-Fiction deutlich. Hier verweist er auf das Sub-Genre „Solarpunk“, auf Bücher wie „Freedom“ (z. dt. „Darknet“) von Daniel Suarez, „Walkaway“ von Cory Doctorow, aber auch auf die Werbung des Yoghurtherstellers „Chobani“. In all diesen Visionen leben die Menschen im Einklang mit ihrer Umwelt und nutzen Technologien, um die Natur zu verbessern, statt sie auszubeuten.

Wenzel argumentierte überzeugend seine Sichtweise. Dass neue Zukünfte auch aus Konflikten entstehen können, machte Moderator Stefan Wally in der dem Vortrag folgenden, angeregten Diskussion deutlich. Wir freuen uns, dass unsere Veranstaltungen nun hybrid stattfinden können. Neben 30 Interessierten vor Ort waren eben so viele via Stream dabei. Besten Dank an Carmen Bayer für das Handeln der Technik.

Fotos: Carmen Bayer. Bericht: Hans Holzinger

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