Heller als tausend Sonnen (1956)

brigtherthantousandsunsWohl als erster hat Robert Jungk die Geschichte der Atombombe und ihrer Träger beschrieben. Die aus intensiven Recherchen und zahlreichen persönlichen Gesprächen mit Atomforschern zusammengetragenen, 1956 unter dem Titel »Heller als tausend Sonnen« erschienenen Reportagen mach(t)en deutlich, dass sich NaturwissenschaftlerInnen nicht länger auf ihre »Grundlagenforschung« berufen können, sondern Verantwortung zu tragen haben für die technischen, sozialen und politischen Folgen ihres Tuns. »Heller als tausend Sonnen« schildert detailreich den Werdegang der Atomforschung von den ersten Kernspaltungsversuchen über den Bau der ersten Atombombe bis hin zur Entwicklung der amerikanischen Wasserstoffbombe, zu der Präsident Truman 1950 den Startschuss gab.

Aus: Heller als tausend Sonnen. Das Schicksal der Atomforscher. Hier zit. nach Heyne-Neuausgabe, München 1990, S. 20-22.

„Drei Widerstände waren es, die ich in fast allen diesen Unterhaltungen zu überwinden hatte. Erstens die Befürchtung des Befragten, durch seine Äußerungen einen oder mehrere seiner noch lebenden Kollegen zu verletzen. (…) Ein zweiter Einwand, den ich hörte, war der, daß ich als jemand, der selbst der »Familie der Atomphysiker« nicht angehörte, unmöglich ihre wahre Geschichte erfassen könnte. Das mochte am Anfang meiner Recherchen wirklich so sein. Je weiter ich aber in die Materie eindrang, desto klarer wurden mir die persönlichen und historischen Bezogenheiten dieser Menschen, ja es stellte sich heraus, daß ich schließlich mehr Übersicht über den Gesamtablauf dieses Schicksals einer besonders wichtigen und einflußreichen Gruppe besaß als die meisten einzelnen, die mir ihre Erlebnisse und Ansichten anvertrauten. Denn sie hatten ja – abgesehen von ganz wenigen Ausnahmen – nur den eigenen Abschnitt des Geschehens sehen können, während der Chronist aus seiner Kenntnis zahlloser Einzelheiten die Verknüpfung der Ergebnisse und ihre, den Handelnden selbst meist unbekannte, wechselseitige Einwirkung aufeinander übersah. Oft blieb es daher nicht nur bei einer Unterhaltung mit den Befragten. Ich mußte, geleitet durch die Angaben eines zweiten und dritten, wieder zu meinem ersten Unterredner zurück, um Klarheit über gewisse Punkte zu erhalten, die er selbst aus seiner mangelnden Kenntnis des Gesamtbildes für unwichtig gehalten und daher gar nicht erwähnt hatte.

Eine dritte Schwierigkeit, der ich begegnete, war die bei zahllosen Wissenschaftlern vorherrschende Einstellung, die private, die menschliche Geschichte der Wissenschaftler sei doch unwichtig. Was zähle, sei nur ihre objektive Leistung. Hier zeigte sich eine Haltung, die recht eigentlich viele der in diesem Buche beschriebenen Gewissensqualen und Tragödien heraufbeschworen hat. Der Wissenschaftler, der meint, daß er – oder seine Kollegen – nichts anderes sei als ein »Werkzeug der Erkenntnis«, dessen persönlicher Charakter, dessen Ambitionen, Hoffnungen und Zweifel »nichts bedeuteten«, denkt in Wahrheit unwissenschaftlich. Denn er ignoriert einen wichtigen, vielleicht den ausschlaggebenden Teil des wissenschaftlichen Experimentes, nämlich sich selbst, oder glaubt, ihn willkürlich ausschalten zu können. Nur durch diese künstliche, erzwungene und unnatürliche Loslösung der wissenschaftlichen Forschungsarbeit von der Wirklichkeit des einzelnen Menschen konnten ja überhaupt Monstren wie die Atom- und Wasserstoffbomben entstehen. (…)

Viele Forscher denken heute nicht mehr so. Sie wissen, daß sie nicht nur »Gehirne«, sondern ganze Menschen mit ihren Schwächen, ihrer Größe und ihrer Verantwortung sind. Dieser großen Gewissenskrise in ihrer Entstehung, im Versuch ihrer Meisterung nachzuforschen und sie dann trotz vieler einander widersprechender Aussagen so wahrheitsgetreu wie möglich aufzuschreiben, das war mein Bemühen.“