Interview mit Peter Krön


Kürzlich haben allein in Salzburg mehr als 4000 junge Menschen im Rahmen der Aktion „Fridays for Future“ für eine entschlossene Klimapolitik demonstriert. Weltweit waren es Hunderttausende. Was hätte Robert Jungk dazu gesagt?

Er hätte sich gefreut, wäre sicher mitgegangen (lacht) und hätte vor allem die Erwachsenen aufgefordert, sich mit einzubringen. Und eine diese Aktion unterstützende Schulbehörde hätte mit den Schülerinnen und Schülern sicher vereinbaren können, dass diese Demonstrationen nicht unbedingt immer nur während der Unterrichtszeit stattfinden sollten. Demokratie braucht politisch wache, vorausschauende Menschen, die Änderungen anstoßen, die versuchen, wenigstens einen Teil der letztlich entscheidenden Mehrheit zu überzeugen, zu motivieren und für ihr Anliegen zu gewinnen. Robert Jungk hätte sie mit Begeisterung dabei unterstützt. Hoffen wir, dass dieser Widerstand anhält und an Breitenwirkung gewinnt. Und dass Demokratie zwar mühsam und  anstrengend ist, permanenten Einsatz erfordert, aber alternativlos ist, hat er immer wieder betont.

Wann hast Du Robert Jungk denn eigentlich kennengelernt?

Unsere Bekanntschaft reicht in das Jahr 1970 zurück, als Robert Jungk nach Salzburg kam. Wir waren bald freundschaftlich verbunden, und ich hatte das Glück, dass auch seine Frau Ruth, eine außergewöhnliche, keineswegs einfache Persönlichkeit, die immer sehr direkt und ungefiltert sagte, was sie gerade dachte, mich  mochte. Das half auch für meine Beziehung zu ihrem Mann.

Was war für Dich das Besondere an Robert Jungk?

Robert Jungk, das war schon erstaunlich, war im persönlichen Umgang entgegenkommend, freundlich, beinahe konfliktscheu. Im politischen Diskurs und in der öffentlichen Auseinandersetzung war er hingegen außerordentlich mutig, beinhart. Ich erinnere mich beispielsweise an sein Engagement gegen die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf, wo er unerbittlich, radikal bis zum äußersten, die zuständige Behörde attackierte und so gewiss maßgeblich mit dazu beigetragen hat, dass diese angeblich friedliche Nutzung der Atomenergie zumindest in unserer unmittelbaren Umgebung nicht realisiert wurde.

Du durftest Dich lange Zeit in leitender Funktion um die Kultur im Land Salzburg kümmern. Was waren für Dich in dieser Zeit herausragenden und wichtige Ereignisse?

Im Jahr 1965 bin ich zur Vorbereitung und Durchführung der Diözesansynode nach Salzburg gekommen; fünf Jahre später wurde ich vom damaligen Landeshauptmann Hans Lechner berufen, mich um die Agenden Kultur und Naturschutz zu kümmern. Das war insofern erstaunlich, weil ich einerseits ein totaler „Newcomer“ war, dem die Leitung einer Abteilung übertragen wurde, andererseits als „Linkskatholik“ galt, was damals beinahe gefährlicher war, als für einen Sozialdemokraten gehalten zu werden. Aber LHStv. Steinocher und Landesrat Moritz, in dessen Ressort Naturschutz und Kultur fielen, stimmten meiner Ernennung ebenfalls zu.

Übrigens war damals, 1971, der Naturschutz so gut wie nicht relevant, es gab noch keine Grünbewegung – es wurde permanent politisch interveniert, und, wer es sich leisten konnte oder entsprechende Beziehungen hatte, meinte bauen zu dürfen, wo und wie es ihm gefiel. Zweitwohnsitze, Seeuferverbauungen, Appartementhäuser, Grünlandumwidmungen in Bauland waren die Folge. Der Naturschutz hat mich damals fast noch mehr beschäftigt als die Kultur.

Und wie stand es damals um das kulturelle Leben?

Als ich nach Salzburg kam, empfand ich es als sehr unösterreichisches Land. Da es so gut wie keinen Adel gab, und die Bischöfe – ständig im Streit mit St. Peter – nur Bettelorden zuließen, gab es  weder Burgen noch Schlösser, weder Klöster noch Stifte –also keine gewachsenen Kulturzentren auf dem Land. (Abgesehen von einer wunderschönen, vielseitigen Volkskultur.) Und in der Stadt gab es neben den großen Kultureinrichtungen  so gut wie keine kulturelle Infrastruktur. Es war daher unser vorrangiges Anliegen, zeitgenössische Kultur nicht nur „besuchsweise“ aufs Land zu bringen, sondern dort auch dauerhaft zu verankern. Wir haben daher versucht, ein Kulturnetz mit engagierten Leuten an den verschiedenen Orten im Land aufzubauen. Es waren  vor allem engagierte Lehrer, die über ihre pädagogische Aufgabe hinaus noch etwas auf die Beine stellen wollten.

Und wie stand es diesbezüglich um die Stadt Salzburg?

Als, um nur ein Beispiel zu nennen, die „Szene der Jugend“ mit Alfred Winter auf die Bühne trat und eine allgemein zugängliche, zeitgenössische Kultur einforderte und selbst vorstellte, habe ich festgestellt, dass die Salzburger Festspiele ein Vetorecht in Kulturangelegenheiten innehatten. Es gab Demonstrationen, lebhafte Diskussionen bis hin zu handgreiflichen Auseinandersetzungen und zu Besetzungen (Petersbrunnhof). Ich unterstützte diese Anliegen für das Land Salzburg mit Überzeugung, wandte mich aber vehement gegen Gewaltaktionen. Mein Motto war: aktiv machen, aktivieren für Kultur, für Sport, für was auch immer. Dazu bedurfte es aber auch einer entsprechenden Infrastruktur: Der Petersbrunnhof, DAS KINO, das Rockhouse und Literaturhaus, die ARGEkultur und Republic konnten etabliert werden. Leider vermisse ich heute vieles von der damaligen Aufbruchsstimmung.

Aber lag das nicht eben auch an der Zeit des Aufbruchs, die Du verwalten, vor allem aber gestalten konntest?

Vielleicht auch, aber vergessen wir nicht: Kultur ist zwar das, was uns vom lieben Vieh unterscheidet, ein „Lebensmittel“, das möglichst allen Menschen zu Gute kommen und zur Verfügung stehen sollte. Kulturengagierte und Kulturpolitiker werden aber – auch in einer Demokratie -, immer eine Minderheit darstellen. Und das erfordert, wie schon erwähnt, permanenten Erklärungsbedarf, Überzeugungsarbeit, Motivation. Demokratie ist eine anstrengende Regierungsform, „die schlechteste“, wie Winston Churchill betonte „mit Ausnahme aller übrigen!“

Das klingt deutlich auch nach Robert Jungk. Wie hast Du ihn kennengelernt, wie in dieser Zeit erlebt?

Zunächst hat es ein wenig gedauert. Auch ich war voreingenommen. Es hat geheißen: das ist ein Aufhetzer, ein Kommunist. Ich musste ihm viel und aufmerksam zuhören, mit ihm persönlich reden, und dadurch sind wir uns bald sehr nahe gekommen.
Bevor Robert Jungk noch eine Stiftung angeboten hat, wollte ich ihm eine vom Land unterstützte Arbeitsstätte ermöglichen. In Aussicht genommen hatte ich das Trakl-Haus. Aber da gab es u. a. vonseiten des damaligen Landeshauptmanns Lechner noch massive Einwände.

Später hat sich dann eine neue Option aufgetan.

Ja, Wilfried Haslauer [Vater des derzeitigen Landeshauptmanns], den ich aus vielerlei Gründen sehr schätzte, wenn wir auch nicht immer einer Meinung waren, hat offensichtlich die besondere Bedeutung, auch das Prophetische an Robert Jungk erkannt, auch wenn er ihm gegenüber kritisch eingestellt war. Rückblickend muss ich sagen, ist es geradezu erstaunlich, dass es gelungen ist, diese Stiftung, einen lange gehegten Wunsch von Robert Jungk, zu realisieren.

Die Errichtung der Bibliothek war demnach eine besondere Herausforderung.

Ja. Die Errichtung der Bibliothek als Stiftung war Robert Jungk ein besonderes Anliegen. Seine Schenkung bestand allerdings aus Büchern, die keine Zinserträge abwerfen. Das vom Land Salzburg zur Verfügung gestellte Stiftungskapital wurde aber von Beginn an für die Einrichtung der Bibliothek, für Gehälter etc. verwendet. Die Mittel waren also bald nicht mehr zur Gänze verfügbar. Nach einem Einwand der Stiftungsbehörde wurde die Bibliothek zu einer „Sachstiftung“ erklärt und ein Verein etabliert, der die Anliegen der Stiftung weiterführte. Nach und nach gelang es auch, das Stiftungskapital im ursprünglichen Volumen wieder aufzubringen. Das war eine spannende und auch kritische Phase in der Entwicklung der JBZ. Dass es bei den Sitzungen des Kuratoriums immer wieder um finanzielle Belange ging, war schon sehr belastend und m. E. auch Robert Jungk gegenüber kaum vertretbar.

Wie waren denn die ersten Reaktionen auf die Stiftung?

In den ersten Jahren gab es wenig Resonanz. Die Bedeutung der Einrichtung wurde nicht erkannt. Erst in den letzten Jahren gelang es – und das freut mich ganz besonders – der JBZ die ihr gebührende Aufmerksamkeit zu sichern. Eine ganz besondere Anerkennung und ein großer Dank den hervorragenden Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen für ihre einsatzbereite, exzellente und engagierte Arbeit!

Das liegt wohl auch daran, dass der von Robert Jungk ursprünglich forcierte Aspekt einer Bibliothek nicht wie erwartet aufgenommen wurde.

Stimmt! Das Angebot einer Bibliothek macht ja, genau betrachtet, nur einen Teil des aktuellen Angebots aus.

Wie hast Du Robert Jungk in dieser ersten Phase der Bibliothek erlebt?

Robert Jungk hat sich, soweit ich mich erinnere, nicht wesentlich eingebracht. Er war viel unterwegs. Ein besonderes Anliegen waren ihm allerdings die Zeitschrift „proZukunft“ und vor allem auch die Zukunftswerkstätten. „Betroffene zu Beteiligten machen“, das war ihm ein zentrales Anliegen.

Wie viele Zukunftswerkstätten hat Robert Jungk in Salzburg selbst moderiert?

Das weiß ich nicht mehr genau. Nicht allzu viele, vermutlich kaum mehr als zehn. Und er hat sie, offen gestanden, selbst auch nicht besonders gut geleitet. Denn er war selbst zu sehr Beteiligter, wollte seine eigenen Ideen mit einbringen. Neutralität ist ihm nicht gelegen!

Wie hast Du Robert Jungks politisches Engagement rund um die Wahl zum Bundespräsidenten 1992 in Erinnerung?

Ich habe dieses Anliegen der Grünen, die diesbezüglich auch zu mir um Unterstützung gekommen sind, für keine gute Idee gehalten. Robert Jungk war für diese Aufgabe meines Erachtens damals schon zu alt, wohl auch nicht mehr konzentriert genug. Er wusste natürlich um sein politisches Potenzial, aber es ging ihm darum, seine Ideen und Anliegen durch seine Kandidatur an die Öffentlichkeit zu tragen. Aber der Wahlkampf hat ihn dann doch sehr überfordert.

Kurz nach der Fertigstellung seiner Autobiografie „Trotzdem. Mein Leben für die Zukunft“ im Jahr 1992, erlitt er, wohl auch aufgrund der vorangegangenen Anstrengungen, einen Schlaganfall.

Ruth Jungk hat mich umgehend um Hilfe und Unterstützung gebeten, und ich tat, was immer möglich war. Nach längerem Spitalsaufenthalt konnte Robert Jungk, als Ehrenbürger der Stadt, in der Folge auch gemeinsam mit seiner Frau Ruth auf höchstem Niveau betreut und versorgt werden. Seine Enkeltochter Ada konnte er noch in den Arm nehmen. Darauf hat er gewartet.

Von 1994 – 1999 warst Du Vorsitzender des Kuratoriums. War die Zeit nach Robert Jungk in Deiner Erinnerung schwieriger, entscheidend anders?

1993 bin ich in Pension gegangen. Gerade in der Zeit danach wurde ich von vielen Kultureinrichtungen ersucht, mich einzubringen und zu engagieren. Dazu kam noch meine Tätigkeit als Konsul für Litauen. Diese Aufgabe hat mich ganz besonders beschäftigt. Ich konnte, über den Kulturbereich hinaus, viele Partnerschaften vermitteln. Dazu kam dann noch meine Tätigkeit für die Rotarier, die mich für soziale und humanitäre Projekte auf alle fünf Kontinente führte. Ich war also  ziemlich beschäftigt und meine Aufgabe in der JBZ war nur eine von vielen. Dass diese Einrichtung von Beginn an von den Mitarbeitern so eigenständig geführt war, kam ihr sehr zugute.

Von Anfang an war Zukunftsforschung in der JBZ ein wesentlicher Bezugspunkt. Wie hast Du diese Entwicklung gesehen?

Ich halte es für wichtig, dass sich Institutionen wie die JBZ breit um Zukunftsthemen kümmern, dass man sich hier erkundigen kann, welche Entwicklungen im Bereich der Wirtschaft, im Bereich der Kultur, des Tourismus, der Landwirtschaft, der Politik absehbar und zu erwarten sind. Neben der zu vielen Themen vorhandenen Literatur ist natürlich die Kompetenz des Teams besonders wertvoll. Ebenso wie die Zeitschrift „proZukunft“ mit den exzellenten Buchbesprechungen, die interessanten und aktuellen „Montaggespräche“ und der über Vorschlag der JBZ gestiftete „Landespreis für Zukunftsforschung“. Ich bin überzeugt, dass das überaus engagierte und kompetente Team die JBZ zu einer unverzichtbaren internationalen Einrichtung gemacht hat.

Gab es massive Einwände oder Entwicklungen, die die Existenz der JBZ bedrohten?

Nein. Es gab eher eine latente Gleichgültigkeit, die Bedeutung der Einrichtung wurde lange nicht erkannt. Auch galt die Bibliothek über längere Zeit als „zu links“. Vielleicht habe ich da ein wenig helfen können, Vorbehalte zu entkräften. Aber nach und nach ist es besser geworden. Vor allem seit der Übersiedelung vom Stadtzentrum nach Lehen, die wir ja zunächst sehr skeptisch gesehen haben, hat die Entwicklung einen immer besseren Verlauf genommen. Das ist im Wesentlichen das Verdienst der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen.
Lieber Stefan und lieber Walter – danke vielmals für Euren Besuch und das Gespräch. Ich möchte Euch persönlich und dem gesamten Team meine Anerkennung und meinen Dank aussprechen, besonders auch für unsere langjährige so gute Zusammenarbeit. Ich verfolge Eure Arbeit mit großer Freude und Wertschätzung, und ich möchte Euch nicht nur dafür danken, sondern besonders auch für Eure Freundschaft, der ich auch in Zukunft mit meinen besten Wünschen herzlich verbunden bleibe. Besten Dank für das Gespräch und die anhaltende Verbundenheit.

(Fotonachweis: Landespressebüro Neumayr)