Thesen

Im Folgenden finden Sie zentrale Thesen aus den Workshops mit klaren Forderungen, die als eine Art Manifest der Tagung gelesen werden können. Wir baten hierfür die  ModeratorInnen der Workshops jeweils drei wichtige Erkenntnisse aus den Referaten sowie der Diskussion zu benennen.

Workshop 1: Integration von Migrantinnen und Flüchtlingen – eine Perspektive auf Identitäten und Werte.
Mit Julia Graffer. Moderation: Tilmann Schaible

1. Für die Eingliederung von Migranten und Flüchtlingen sind Integrationshilfen wie Kurse zur (Erst)Orientierung und Sprachkurse dringend erforderlich. Allerdings erfolgt in den angebotenen Werte- und Orientierungskursen insbesondere Normenvermittlung.

2. Hinter den von Migranten und Flüchtlingen eingeforderten Integrationsbemühungen verbirgt sich oft eine versteckte Abwehrhaltung der Politik. Wichtig wäre, dass den Migranten die eingeforderten Werte auch vorgelebt werden. Stattdessen erleben diese im Alltag vielfach mangelnde Wertschätzung und Ausgrenzung.

3. Hilfreich wären daher auch Wertekurse für Österreicherinnen.

Workshop 2: Berufliche Integration von Asylberechtigten.
Mit Lara Erber, Gottfried Lochner, Bettina Oestreich.
Moderation: Ursula Liebing.

1. Das Erlernen der deutschen Sprache  und die Vermittlung von für Österreich typischen Arbeitsmarktfähigkeiten („Tugenden“ ) ist von Anfang an wichtig, um auf die Integration in den Arbeitsmarkt hinzuarbeiten. Bereits während des Asylverfahrens sollen Integrationsschritte gesetzt werden. Stichwort „Tagesstruktur“.

2. Nach der Anerkennung als Flüchtling sollte – je nach Vorbildung –  ein Qualifikationserwerb ermöglicht werden, wie dies in der AMS-Strategie bereits vorgesehen ist, damit mittelfristig die Vermittlungsfähigkeit gesichert wird. Vorkenntnisse bzw. bestehende Ausbildungen aus dem Herkunftsland müssen für  die Anforderungen im Aufnahmeland ein „Update“ erhalten. Die „Baustelle“ des Bundesmindestsicherungsbezugs für anerkannte Flüchtlinge; die nach dem 18. Lebensjahr eine Lehre beginnen, muss gelöst werden.

3. Die systematische Erfassung von Qualifikationen und Vorbildungen bereits in der Grundversorgung, wie dies das Qualifikationsscreening des Landes Salzburg vorsieht,  ist eine gute Basis für eine gezielte Weiterentwicklung von vorhandenen Fähigkeiten für die Integration in  den Arbeitsmarkt. Diese Weiterentwicklung von Kenntnissen sollte im Sinne der Ausschöpfung „mitgebrachter“ Ressourcen und Potenziale  für alle Betroffenen ermöglicht werden.

Workshop 3: Bilder von MigrantInnen in den Medien.
Mit: Olivera Stajic. Moderation: Husmin Rasidovic.

1. Objektive Medienberichterstattung gibt es nicht, da Berichte immer Wertungen enthalten. Notwendig ist aber eine kritische Berichterstattung, die derzeit an Bedeutung verliert. Die Politik ist in der Medienfalle gefangen: Die Medien beugen sich dem Rechtsdruck der Populisten. Die Berichterstattung wird immer schlechter und populistischer, was auf die Politik zurückwirkt. Dieser Falle ist entgegenzutreten

2. Muslime werden in der Berichterstattung und öffentlichen Wahrnehmung als Synonym für Migrantinnen/Ausländer „benutzt“. Es gibt kaum Anreize, ein positives Bild von Muslimen zu vermitteln. Der Grund: Das verkauft sich schlecht. Das Fehlen solcher positiven Geschichten vom Islam bzw. von Muslimen befördert den medialen und gesellschaftlichen Rechtsruck. Um diesem entgegenzuwirken, brauchen wir andere Bilder über Muslime sowie über Migrantinnen.

3. Gründe für die Abnahme von konstruktivem Journalismus liegen in Veränderungen im Printmedienbereich durch das Internet. Die „personenorientierte“ Nachrichtenlieferung nimmt zu. „Lügenpresse“ und schlechter Journalismus breiten sich aus. Notwendig ist eine stärkere öffentliche Finanzierung seriöser Medien sowie die Förderung eines kritischen Bewusstseins über die Notwendigkeit kritischer Berichterstattung, was auch eine Aufgabe Politischer Bildung ist.

Workshop 4: Willkommensstadt? Wo Flüchtlinge wohnen und Städte lebendig werden.
Mit: Daniel Fuhrhop, Franz Neumayer. Moderation: Hans Holzinger.

1. Historische Beispiele wie die Aussiedlerbewegungen nach 1945, die Fluchtbewegungen im Zuge der Ungarnkrise 1956 sowie die Gastarbeiterbewegungen der 1960er-Jahre zeigen, dass Österreich und Deutschland große Migrationsbewegungen gut gemeistert haben. Auch heute gibt es ein breites Engagement der Zivilgesellschaft im Flüchtlingsbereich. Doch die Ressentiments gegen Flüchtlinge sind gewachsen und ein Indiz dafür, dass die Integration in Wohlstandsgesellschaften offensichtlich schwieriger, die Solidarität geringer und die Verlustangst größer ist. 

2. Flüchtlinge sollen unter und mit uns wohnen. Großunterkünfte sowie Gettobildungen sind daher nach Möglichkeit zu vermeiden. Es liegt daher nahe, leerstehenden Wohnraum für Flüchtlinge zu aktivieren. Das ist ökologisch sinnvoll und sozial erwünscht. Die öffentliche Hand kann und soll Anreize zur Vermietung von Leerstand schaffen, dessen Erfassung ist ein erster wichtiger Schritt.  Kirchen können mit der Zur-Verfügung-Stellung eigener ungenutzter Gebäude Vorbildwirkung übernehmen.

3. Ängsten und Vorbehalten von VermieterInnen wie Nachbarn kann am besten in persönlichen Gesprächen begegnet werden. In Bürgerversammlungen besteht die Gefahr, dass die Hetzer überhand gewinnen.

Workshop 5: Frauen auf der Flucht – Befunde und Ausblicke.
Mit: Birgit Einzenberger. Moderation: Svetlana Jestratijevic

1. Frauen sind unterschiedlichen Bedrohungen ausgesetzt. Es gibt daher frauenspezifische Fluchtursachen. Dazu zählen geschlechtsspezifische und sexuelle Gewalt, Zwangsheirat, Menschenhandel, Genitalverstümmelung, Diskriminierung beim Verstoß gegen „gesellschaftliche Sitten“, kein Zugang zu Recht u.a.m.  Verfolgung von Frauen und Mädchen ist nicht IMMER geschlechtsspezifisch.Neben frauenspezifischen Diskriminierungen spielen auch andere Ursachen für Bedrohungen eine Rolle, etwa ethnische oder religiöse Zugehörigkeit.

2. Frauen sind auf der Flucht besonderen Gefahren ausgesetzt: Es gibt kaum alternative / sichere Einreisemöglichkeiten (Resettlement), sexuelle Übergriffe, unzureichende medizinische Versorgung (insb. für Schwangere / Stillende), fehlende bzw. unzureichende Unterstützung bei Gewalt, Unkenntnisse über Rechte und Unterstützung.

3. Flucht wird bei uns vor allem als Phänomen von jungen Männern wahrgenommen, die vor politischer Verfolgung fliehen. Nach Europa kommen in der Tat bedeutend mehr Männer als Frauen. Doch weltweit ist jeder zweite Flüchtling eine Frau. Flüchtlingspolitik muss auf die besonderen Bedürfnisse von Frauen Rücksicht nehmen. Notwendig sind u.a. eigene Unterkünfte nur für Frauen.

Workshop 6: Qualifikation – Empowerment – Wissenstransfer. Wie können Potenziale von Flüchtlingen in Salzburg entfaltet werden?
Mit: Wolfgang Aschauer, Manfred Oberlechner, Lisa Oberparleitner.
Moderation: Adis Serifovic

1. Flüchtlinge haben erschwerte Startbedingungen, sie unterliegen einer Art Desozialisierung. Wichtig ist daher, vom Diskurs des Forderns zu einem Diskurs des Förderns zu gelangen und eine sachliche, unaufgeregte Herangehensweise zu finden. Zu lösen ist die Solidaritätskrise innerhalb der EU, nicht die „Flüchtlingskrise“.

2. Wichtig ist der Respekt vor Flüchtlingen statt Behandlung als Bittsteller. Traumatisierungen lassen sich nur durch wertschätzenden Umgang und Empowerment überwinden. Hierfür braucht es eine andere Haltung gegenüber Flüchtlingen, die diese als Menschen mit Fähigkeiten wahrnimmt. Die Anerkennung von Qualifikationen und Abschlüssen (Nostrifizierungen) soll zügiger geschehen.

3. Es braucht auch Freiräume, in denen Flüchtlinge eigene Projekte und Vorhaben umsetzen und ihre Fähigkeiten einbringen können. Als Beispiel aus Deutschland gilt die „Silent University“, eine Bildungsplattform geflüchteter Menschen, über die „geflüchtete“ DozentInnen gegen Honorar Vorlesungen und Vorträge abhalten.

Redaktionelle Bearbeitung: Hans Holzinger, JBZ