Vorträge und Workshops

29. 11. 2018, 19:00: Zur diskursive Konstruktion österreichischer Identitäten 1995-2015. Vortrag Ruth Wodak (Kooperation mit der Universität Salzburg – Salzburger Vorlesung)
Nach den Jahrzehnten, in denen internationale Kooperation großgeschrieben wurde – sei es durch den Aufbau internationaler Organisationen, die Etablierung eines internationalen Menschenrechtsschutzsystem, die Europäische Integration – werden in den letzten Jahren Stimmen in Wissenschaft und politischer Praxis lauter, die eine Rückkehr des Nationalen konstatieren. Anhand einer longitudinalen vergleichenden Forschung zu österreichischen Identitätskonstruktionen (1995-2015) wird dem offensichtlichen Widerspruch nachgegangen, wie sich Nationalstaaten (und Mitgliedstaaten der EU) zwischen Globalisierung einerseits, und einer Renationalisierung andrerseits positionieren. Vor allem rechtspopulistische und national-konservative Parteien bzw. PolitikerInnen plädieren für die Stärkung des Nationalstaates – häufig mit einer „Politik der Angst“, die auf unsichere Identitäten, kulturellen Wandel, wirtschaftliche Probleme nur den Rückzug auf das „Eigene“ als Antwort kennt. Gleichzeitig sind wir alle mit Herausforderungen konfrontiert (wie Klimawandel; Finanzkrisen, Flucht oder Migration), auf die nur vereinte, transnationale Antworten sinnvoll scheinen. Es stellen sich also folgende Fragen: Steht uns nach einer Zeit des Internationalismus eine neue Ära des Nationalismus bevor? Was heißt das für ein vereintes Europa? Welche Rolle spielen die Medien? Was kann man dagegen tun?

30.11. 2018, 9:15: Gesellschaften der Angst – Das Ende der Globalisierung und Europäisierung? Vortrag Franz Fischler
Angst kann man nicht durch Abschotten gegenüber Europa und der Welt bekämpfen. In Europa wird versucht, die Ängste vor der Zukunft und den Mangel an Selbstvertrauen durch den Rückzug in das Nationale und Regionale oder durch vordergründig Populismus zu kaschieren. Damit wird jedoch keine einzige der zentralen Zukunftsfragen gelöst. Hier muss dagegen gehalten werden. Wir müssen eine nachhaltige Entwicklung, wie sie in den Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen vorgezeichnet ist, einleiten. Wir müssen auf europäische Fragen wie die Migration, die Überalterung, den Mangel an Innovation, die wachsende Ungleichheit u.a. bessere Antworten geben. Gemeinsam schaffen wir es, unseren Kindern und Enkeln gute Zukunftschancen zu wahren. Die liberale Demokratie hat nicht ausgedient, sondern neues Engagement verdient.

30.11.2018, 11:00-12:30

Workshop 1: Krieg, Konflikt, Versöhnung
Vortrag Thomas Roithner: Atomwaffen sind der Heißkalt der Weltpolitik. Einerseits wird mit nuklearer Rüstung gewetteifert und andererseits hat die Welt einen Atomwaffenverbotsvertrag. Welche Konzeptionen von Frieden und Sicherheit gibt es mit und ohne Atomwaffen? Sowohl Barack Obama, die EU, die Atomenergiebehörde und ICAN wurden mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Was leisten sie für Abrüstung und Frieden und wie können wir – im Sinne von Robert Jungk – „Betroffene zu Beteiligten“ machen und Beiträge zur Völkerverständigung leisten?

Workshop 2: Von der Völkerverständigung zu Interkultureller Bildung und Globalem Lernen
Vortrag Heidi Grobbauer: Ob Völkerverständigung, Interkulturelles oder Globales Lernen – droht nicht nur die Politik an den großen Herausforderungen einer globalisierten Welt zu scheitern, sondern auch die Bildung? Wie kann eine zeitgemäße und zukunftsweisende Bildung heute aussehen? Muss sie nicht im Sinne der „Weltverständigung“ eine Bildung von „global citizens“, von Weltbürgen und Weltbürgerinnen anstreben, die kompetent und aktiv das „Heimatland Erde“ (E. Morin) mitgestalten? Was kann oder muss Bildung in einem Klima weltanschaulicher Polarisierung und drängender globaler Probleme überhaupt leisten?
Vortrag Sonja Schachner: Begrifflichkeiten sind immer an die jeweilige Zeit gebunden – heute ist der Begriff der Völkerverständigung nicht mehr angemessen. Das dahinter liegende Bildungsziel ist dem Globalen Lernen ähnlich. Diesem geht es um die Verortung der Individuen in der Welt, Reflexion über eigenes Denken und Tun ebenso wie um Bewusstsein über eine gemeinsame Verantwortung für die Welt und einen politisch-kritischen Blick. Diese Kompetenzen brauchen junge Menschen, Südwind versucht dies mit schulischen wie auch außerschulischen Bildungsangeboten zu fördern.

Workshop 3: Menschenrechte und Demokratie – ein Zwillingspaar?
Vortrag Andreas Gross: 30 Jahre nach der Wende: Noch nie wurden die Menschenrechte in Europa so sehr verletzt wie heute. Noch nie ging es der Demokratie mitten in Europa so schlecht wie jetzt. Wir versuchen, diese Erosionen zu verstehen. So können wir uns auch der Antwort auf die Fragen nähern, wie und wo wir die Demokratie als gesellschaftliches Gesamtkunstwerk erneuern und den Menschenrechten als Teil davon eine neue Nachachtung verschaffen können. Das wird freilich verschiedene Grenzüber-schreitungen benötigen; uns jedoch zeigen, dass auch lange Wege mit kleinen Schritten beginnen und begangen werden können.
Vortrag Gudrun Rabussay-Schwald: Die Teilnehmer ergründen verschiedene Definitionen von Demokratie und setzen sich mit Voraussetzungen auseinander, unter welchen Menschenrechte eher verwirklicht werden können. An Hand internationaler Beispiele von Menschenrechtsverteidiger*innen gehen wir der Frage nach, wie Menschenrechtsverletzungen Einhalt geboten werden können. Welche Rolle spielt der Rechtsstaat? Welche wir als Zivilgesellschaft?

30.11.2018, 14:00-15:30

Workshop 4: Fluchtursache Klimawandel und die Perspektiven internationaler Klimavereinbarungen
Vortrag Gunter Sperka: Der Vortrag bietet zunächst einen Überblick über das Phänomen Klimawandel und dessen aktuellen Status. Die Reaktion der internationalen Politik – das Pariser Klimaabkommen und seine Implikationen werden ebenso beleuchtet, wie die politischen Verantwortungen, die sich aus den historischen und aktuellen Emissionen ergeben. Folgende Fragen werden dabei thematisiert: Auf welche erwartbaren Klimafolgen müssen wir uns einstellen, welche Regionen sind hauptbetroffen? Was bedeutet das für unseren Lebensstil in Österreich?
Vortrag Patrick Sakdapolrak: Auf allen Ebenen der Wissenschaft und Gesellschaft wird eine kontroverse Debatte über die Folgen des Klimawandels geführt. „Klimaflüchtlinge“ gelten dabei als Ikone der nahenden Katastrophe. Wie der ehemalige Vorsitzende des Weltklimarats Rajendra Pachauri es ausdrückt, sind sie „das menschliche Antlitz des Klimawandels“. Verkörpert in menschlichen Schicksalen machen „Klimaflüchtlinge“, jenseits von abstrakten Indikatoren und Prognosen, die Folgen des Klimawandels greifbar und gesellschaftlich sichtbar. Vor dem Hintergrund des umstrittenen Begriffs der „Klima- und Umweltflüchtlinge“ bietet der Vortrag eine kritische Reflexion zum Verhältnis von Umwelt und Migration.

Workshop 5: Religion im Zeitalter der Extreme
Vortrag Ernst Fürlinger: Die Gegenwart ist geprägt durch unterschiedliche Extreme – von extremen Wetterereignissen im Zug des Klimawandels, dem Aufstieg extremer politischer Parteien und extremistischen religiösen Bewegungen (u.a.
salafistischer Djihadismus, politischer Evangelikalismus in den USA). Leben wir in einem neuen „Zeitalter der Extreme“ (E. Hobsbawn)? Besteht ein Zusammenhang zwischen diesen unterschiedlichen Phänomenen – über die Gemeinsamkeit des Begriffs „extrem“ hinaus? Der Vortrag vergleicht unterschiedliche Ausprägungen, Formen und Reaktionen von Religion vor dem umfassenden Hintergrund globaler Umweltveränderungen, v.a. des Klimawandels – von der Dominanz apokalyptischen Denkens, harten Orthodoxien bis zur Verstärkung von Kooperation und Dialog zwischen den Religionsgemeinschaften.
Vortrag Nedzad Mocevic: Malcolm X sagte bereits: „You’re living at a time of extremism, a time of revolution. A time where there’s got to be a change. People in power have misused it. And now there has to be a change and a better world has to be built. And the only way is going to be built is with extreme methods. And I for one will join with anyone, don’t care what color you are, as long as you want change this miserable condition that exists on this earth“. In Sinne dieses Zitates geht es in diesem Beitrag über das Gefühl, dass wir umgeben sind vom „Extremen“, dass vor allem „Machtmissbrauch“ dazu geführt hat und dass es Kooperation über ethnische und religiöse Grenzen hinweg und auch „extreme Methoden“ braucht um eine „Veränderung“ herbeizuführen.

Workshop 6: Schutz der Menschenwürde – ein internationales Menschenrechtsverständnis oder bloßes Lippenbekenntnis?
Vortrag Stefan Kieber und Robert Krammer: Zentrales Schutzgut aller Menschenrechte ist die Würde jedes einzelnen Menschen. Über den Anstieg der Verwendung des Begriffs Menschenwürde in internationalen Verfassungstexten kann im Zuge einer globalen Völkerverständigung eine Sensibilisierung der gesetzgebenden Organe festgestellt werden, was die Abbildung des Begriffs in den Kernurkunden der Staaten betrifft. Die Herausbildung einer gemeinsamen internationalen Wertegemeinschaft scheint zudem durch die Schaffung von internationalen Menschenrechtsdokumenten nach dem Zweiten Weltkrieg zum Ausdruck zu kommen. In beiden Fällen ist kritisch zu hinterfragen, ob es sich dabei um ein aus Überzeugung normiertes Menschenrechtsverständnis oder bloß um inhaltsleere Normen handelt. Der zunehmende Nationalismus gefährdet die über Jahrzehnte erarbeiteten gemeinsamen Werte massiv.