Website-Icon Robert Jungk Bibliothek JBZ

Walter Spielmann & Werner Riemer: 40 Jahre JBZ – Ein Interview zum Jubiläum

Anlässlich des 40. Geburtstags der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen haben wir Walter Spielmann und Werner Riemer als ehemalige Geschäftsführer zum Interview eingeladen. Das Gespräch haben wir zur Nachlese im folgenden Text festgehalten.

JBZ: Beginnen wir mit der biografischen Einordnung. Walter, wie sah deine Biografie aus, bevor du zur Robert-Jungk-Bibliothek gekommen bist?

Walter Spielmann: Ich bin als Sohn eines Wiener Ärztepaares in Kanada geboren. Meine Eltern hatten in den 1950er Jahren in Österreich keine Arbeit gefunden und wanderten deshalb aus. Da sich meine Mutter dort aber nicht wohlfühlte, kehrten wir 1962 nach Salzburg zurück. Hier habe ich meinen Bildungsweg absolviert und 1973 maturiert. Ursprünglich wollte ich ins Lehramt gehen, entschied mich dann aber für ein Germanistikstudium, das ich 1983 abschloss. Ich wurde früh eingeladen, für die Salzburger Nachrichten Film- und Literaturkritiken zu schreiben. Nach dem Studium war ich im Haus der Erwachsenenbildung tätig, wo auch Robert Jungk sein kleines Büro, das sogenannte „Bergwerk“, unter dem Dach hatte. Ich habe die Gelegenheit beim Schopf gepackt, ihn im Stiegenhaus angesprochen und ihm meine Unterstützung als Historiker und Germanist beim Aufbau seiner Bibliothek angeboten. Das Gespräch dauerte keine zehn Minuten, und er sagte nur: „Ich glaube, Sie sind der Richtige, versuchen wir es miteinander.“

JBZ: Werner Riemer, wie bist du zur Robert-Jungk-Bibliothek gestoßen?

Werner Riemer: Ich bin 1944 in der heutigen Tschechischen Republik geboren, wurde 1946 mit meinen Eltern vertrieben und bin in Linz aufgewachsen. Nach meinem Studium in Salzburg wurde ich zum Gründungsdirektor des Bildungshauses St. Virgil bestellt. Zehn Jahre später, 1986, wechselte ich in das Kulturamt der Stadt Salzburg. Nach kurzer Zeit fragte mich der damalige Bürgermeister Josef Reschen, ob ich als Vertreter der Stadt in das Kuratorium der Robert-Jungk-Bibliothek gehen möchte. Ich hatte zunächst keine Ahnung, was das sein sollte, habe aber nach einem kurzen Kennenlernen zugesagt. Es stellte sich schnell heraus, dass die wirtschaftliche Situation der Bibliothek nicht gut war. Der erste Geschäftsführer hatte fälschlicherweise angenommen, dass die Zusagen von Stadt und Land für das Projekt mit weitreichenden finanziellen Zuwendungen verbunden wären. Zu meinen ersten Aufgaben als neuer Geschäftsführer gehörte es daher leider, das Personal auf ein finanzierbares Maß abzubauen.

JBZ: Wer waren neben Robert Jungk die entscheidenden Personen in dieser allerersten Phase?

Walter Spielmann: Ganz wesentlich war seine Frau Ruth Jungk. Zudem waren der ORF-Journalist Oskar Schatz und Peter Krön, der damalige Leiter der Kulturabteilung des Landes, von Beginn an sehr wichtig. Krön trug entscheidend dazu bei, dass die Idee auch von Landeshauptmann Wilfried Haslauer sen. unterstützt wurde.

JBZ: Weißt du noch, warum man bei der Gründung die Organisationsform der Stiftung gewählt hat?

Walter Spielmann: Das war Robert Jungk besonders wichtig. Er befürchtete, dass die in Österreich üblichen Vereine nicht so langlebig sind wie eine Stiftung. Es ging ihm nicht um Eitelkeit, sondern darum, der Einrichtung Dauerhaftigkeit und Ausstrahlung zu sichern.

JBZ: Werner hat bereits erzählt, dass die erste Phase in finanziellen Problemen endete. Walter, kannst du uns mehr über diese Anfangszeit erzählen, bevor die Stiftungsbehörde einschritt?

Walter Spielmann: Zu Beginn arbeiteten wir an einer Systematik für die Bücher. Alfred Auer und Veronika Pointner stießen schnell zum Team. Auch die Publikation der Zeitschrift Pro Zukunft wurde damals angedacht, inspiriert durch den amerikanischen Future Survey. Robert Jungk hatte geradezu utopische Visionen: Er wünschte sich eine Bibliothek, die 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche geöffnet ist. Er selbst arbeitete unermüdlich und war auch an Wochenenden stets im Büro anzutreffen.

JBZ: Werner, wie hast du die Zeit im Kuratorium erlebt, bevor du Geschäftsführer wurdest?

Werner Riemer: Wir mussten uns bald mit der kritischen Finanzlage befassen, da die Subventionen für das damalige fünfköpfige Team nicht ausreichten. Nach der personellen Reduzierung blieben Walter Spielmann, Alfred Auer und Wolfgang Walkowiak übrig, zu denen später noch Hans Holzinger stieß. Dieses Team führte die Bibliothek dann jahrzehntelang. Ein weiteres massives Problem war die Stiftungsbehörde. Das Gesetz schrieb vor, dass eine Stiftung über ausreichendes Kapital verfügen muss, um den Betrieb sicherzustellen. Unser Stiftungskapital bestand aber lediglich aus 3.000 Büchern, was rechtlich nicht ausreichte. Es drohte die sofortige Schließung der Einrichtung. Um das zu verhindern, gründeten wir den „Verein der Freunde und Förderer“, der fortan das Tagesgeschäft und die Personalien übernahm, während die Stiftung formal bestehen blieb.

JBZ: Walter, wie präsent war Robert Jungk in der Bibliothek zwischen 1986 und 1994?

Walter Spielmann: Sehr oft. Er kam regelmäßig mit Unmengen an Büchern und Zeitschriften in die Bibliothek und arbeitete intensiv in seinem „Bergwerk“ im dritten oder vierten Stock ohne Lift. Obwohl er unter großem Zeitdruck stand, gab er uns viele Freiheiten und vertraute voll auf unsere Arbeit. Seine Frau Ruth Jungk war hingegen oft sehr skeptisch und fordernd, was für mich nicht immer einfach war. Robert Jungk hat mir in solchen Momenten aber stets den Rücken gestärkt.

JBZ: Es gab auch viele internationale Gäste in der Bibliothek. An welche Veranstaltungen erinnerst du dich besonders?

Walter Spielmann: Es gab Treffen mit der World Future Society, Besuche von Jakob von Uexküll und 1991 ein -Symposium Für eine Mozartische Zukunft. Ein großes Ereignis war auch das World Uranium Hearing, bei dem wir eine abenteuerliche Busfahrt auf den Großglockner unternahmen. Die Verleihung des Right Livelihood Awards an Robert Jungk zeigte der Öffentlichkeit zudem, wie bedeutend er für die Anti-Atom-Bewegung war.

Werner Riemer: Außerdem waren die Mitarbeiter in der Anbahnung weiterer Kooperationen sehr rührig. Ein frühes Beispiel dafür ist etwa die Diskussionsreihe „Vision 2045“, die von 1986 bis 1989 in Zusammenarbeit mit dem Kulturamt der Stadt Salzburg und den „Salzburger Nachrichten“ lief.
Ein anderes Beispiel ist ein Projekt im Auftrag der UNESCO über die Zukunft des Gesundheitswesens.

JBZ: 1992 kandidierte Robert Jungk für das Amt des Bundespräsidenten. Welche Auswirkungen hatte das auf die Bibliothek?

Werner Riemer: Es hat massiv zur Bekanntheit der Robert-Jungk-Bibliothek beigetragen. Trotz unserer bescheidenen Möglichkeiten genossen wir großes internationales Renommee. Ich konnte damals aus meiner Position im Kulturamt heraus auch die erfolgreiche Diskussionsreihe „Vision 2035“ etablieren.

Walter Spielmann: Christian Burtscher von den Grünen bat Robert Jungk damals direkt bei uns in der Bibliothek um die Kandidatur. Jungk willigte nach kurzem Schweigen ein, allerdings unter der Bedingung, dass es seiner Frau nicht erzählt wird.

JBZ: Bald nach der Wahl verstarb Robert Jungk. Wie dramatisch war das für die Einrichtung?

Walter Spielmann: Wir fürchteten um den Fortbestand der Bibliothek, da unsere Gründungsfigur plötzlich fehlte. Erfreulicherweise waren aber Stadt und Land Salzburg bereit, uns weiterhin den Rücken zu stärken.

Werner Riemer: Insbesondere Bürgermeister Heinz Schaden und das Land sicherten den Fortbestand ab. Der Wahlkampf hatte Jungk psychisch extrem zugesetzt. Jörg Haider hatte ihn massiv und diffamierend angegriffen, was Jungk sehr mitnahm und vermutlich auch zu seinem schweren Schlaganfall beigetragen hat.

JBZ: Wie entwickelte sich die Bibliothek danach weiter?

Walter Spielmann: Wir mussten uns bis zu einem gewissen Grad neu erfinden. Wir setzten stark auf bewährte Module wie die Pro Zukunft und die „Zukunftswerkstätten“, von denen wir über 100 durchgeführt haben. Der Kuratoriumsvorsitzende Klaus Firlei war uns dabei eine große Stütze. Er ermutigte uns stets dazu, im Sinne Jungks radikal, gesellschaftskritisch und mutig zu denken.

JBZ: Es gab auch finanzielle Engpässe. Wie habt ihr diese überstanden?

Walter Spielmann: Wir Mitarbeiter waren bereit, deutliche persönliche Einschränkungen mitzutragen. Das reichte von Arbeitszeitkürzungen bis hin zur vorübergehenden freiwilligen Arbeitslosigkeit, um das Überleben der Bibliothek zu sichern. Ab 2009 Stefan Wally dazugekommen ist, haben sich unsere Strukturen und Finanzen dann zunehmend stabilisiert. Wir konnten auch neue Formate wie das Robert-Jungk-Stipendium und die „Montagsrunden“ etablieren.

JBZ: Dann stand die Übersiedlung der Bibliothek an. Wie habt ihr diese Veränderung erlebt?

Walter Spielmann: Zuerst befürchteten wir, dass der Wegzug aus dem zentralen Stadtzentrum an der Salzach unserer Einrichtung schaden würde. Diese Sorge stellte sich jedoch als völlig unbegründet heraus. Im neuen Stadtwerk-Viertel befinden sich nun auch andere Bildungseinrichtungen, was tolle Synergien geschaffen hat. Die Übersiedlung war zwar finanziell herausfordernd, aber wir haben das gemeinsam gut bewältigt.

JBZ: Eine abschließende Frage: Haben wir aus dieser Zeit noch etwas Wichtiges übersehen?

Werner Riemer: Es ist noch erwähnenswert, dass Stefan Wally die rechtlich komplizierte Konstruktion zwischen dem Verein und der Stiftung später vereinfacht hat. Das hat intern enorm viele Probleme gelöst.

Walter Spielmann: Zudem sollte festgehalten werden, dass in der Vergangenheit auch der Bund als dritter Partner an der Finanzierung beteiligt war. Wir sind oft nach Wien gepilgert, um Gelder zu lukrieren. Der Bund zog sich zwar später zurück, aber die Bibliothek konnte dennoch erfolgreich weitergeführt werden. Heute sind Stadt und Land Salzburg gleichwertige Förderer der Einrichtung.

JBZ: Werner Riemer, Walter Spielmann, herzlichen Dank für das Gespräch.

Die mobile Version verlassen