Die Geschichte der Stadt ist seit jeher mit dem Streben nach Besserung – und damit utopischem Denken – verknüpft. Bereits Aristoteles verortete die „Erfüllung des guten Lebens“ (Eudaimonia) in der Polis. Der Reiz des Urbanen liegt in der Vielfalt an Möglichkeiten, die die Stadt – als „Markt der Lebensmöglichkeiten“ (Siebel 2017) – bereitstellt. Die Bedeutung von Städten geht über die räumliche und funktionale Verdichtung von Bevölkerung und Infrastruktur hinaus; sie bilden vor allem den räumlichen Rahmen für gesellschaftliche Teilhabe, Diversität und individuelle Entfaltung. Stadtutopien haben daher stets räumliche Form und Gesellschaftsentwurf verknüpft – sie sind zugleich räumliche und gesellschaftspolitische Projektionen.
In Zeiten tiefgreifender gesellschaftlicher und technologischer Umbrüche trat dieses utopische Moment besonders deutlich hervor. Die industrielle Revolution brachte verschiedenste (sowohl pro- als auch antiurbane) Gegenentwürfe zur bestehenden Ordnung hervor – von frühsozialistischen Siedlungsexperimenten über Gartenstädte bis hin zu rationalistischen Stadtmodellen. Die 1960er-Jahre wiederum brachten vor allem technoide Zukunftsbilder der Stadt hervor: Plug-in-Systeme, mobile Städte und Science-Fiction-Ästhetiken, die das Urbane als radikal anders darstellten.
Viele utopische Ideen blieben Papier, andere wurden Realität. Das Wohnbauprogramm des Roten Wien etwa kann als „Veralltäglichung der Utopie“ (Maderthaner 2017) interpretiert werden – als politisch-räumliches Projekt, das soziale Reformansprüche in gebaute Strukturen übersetzte, die bis heute Lebensbedingungen und Alltag in einer Millionenstadt prägen.
Die Zerstörungskraft der totalitären Gesellschaftsmodelle des 20. Jahrhunderts hat uns gelehrt, dem utopischen Denken mit Skepsis zu begegnen. Umso wichtiger ist es, Utopie nicht als Blaupause für die Organisation städtischer Gesellschaften zu begreifen, sondern als Instrument und Methode, um über das gegenwärtig Machbare hinauszudenken, Experimente zu wagen und die Grenzen des Vorstellbaren zu erweitern. Angesichts drängender urbaner Herausforderungen – insbesondere der globalen Wohnungskrise in Städten (Wetzstein 2017) sowie der Anpassung an die Folgen des Klimawandels – wird deutlich, dass das gemeinsame Nachdenken über andere urbane Zukünfte und das Streben nach Besserung alles andere als obsolet ist. Wie können alternative Wohnformen zu mehr Leistbarkeit und Inklusion beitragen? Können gemeinschaftlich genutzte Gärten im sozialen Wohnbau als kollektive Infrastruktur Städte zugleich grüner und sozialer machen? Können Verkehrsinfrastrukturen in öffentliche Räume transformiert werden? Vieles, was einst utopisch erschien, wird in verschiedensten Städten im Kleinen bereits erprobt. Wenn die Stadt ein „Ort des guten Lebens“ bleiben soll, bedarf sie immer wieder neuer Ideen. In diesem Sinne liegt der Wert der Utopie weniger darin, Gegenmodelle zur Realität abzubilden, als darin, unsere Städte kreativ und konstruktiv weiterzuentwickeln.
Constanze Wolfgring, PhD, ist Stadtplanerin und Historikerin und absolvierte einen Master in Migrationsmanagement. Sie promovierte 2024 in Urban Planning, Design, and Policy am Department für Architektur und Stadtforschung (DAStU) des Politecnico di Milano mit einer Dissertation zur Regeneration des öffentlichen Wohnbaus in Italien, wo sie derzeit als Postdoktorandin in den Projekten UAH! – Unconventional Affordable Housing und ReHousIn – Reducing Housing Inequalities tätig ist. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der Wohnungspolitik, Stadterneuerung, ökologischen Transition und sozialen Ungleichheiten, mit besonderem Fokus auf leistbare und innovative Wohnmodelle. Von 2018 bis 2020 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der TU Wien im Rahmen der IBA_Wien 2022 („New Social Housing“). Sie ist Ko-Herausgeberin mehrerer Publikationen, darunter New Social Housing. Positions on IBA_Vienna 2022 (Jovis, 2020) sowie Unconventional Affordable Housing. Projects, Practices, Policies (2025).

Direkt nach der Stadtfestrede laden wir zu einem Buffet ein, bei dem wir mit der Rednerin ins entspannte Gespräch kommen können.

Weitere Informationen erhalten Sie unter: https://stadtfest-salzburg.at/

In Kooperation mit der Stadt Salzburg

Stadtutopien und warum wir immer wieder neue erfinden sollten
JBZ Stadtfestrede

mit Constanze Wolfgring: Department für Architektur und Stadtforschung des Politecnico di Milano
JBZ Kooperation | FR 26.06.2026 | 19:00

Ort: Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen
Robert-Jungk-Platz 1 | Strubergasse 18/2 | 5020 Salzburg

Der Eintritt ist frei.
Die Veranstaltung wird auch gestreamt.
Anmeldungen sind hier möglich.
Foto: © privat