„Die Krise als Systemkrise wahrnehmen“ – Der Berliner Historiker Fabian Scheidler in der Reihe JBZ-Zukunftsbuch | Eine Nachlese

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Auf großes Interesse stieß der Vortrag des Berliner Historikers Fabian Scheidler, der am 7. Oktober 2016 in der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen sein Buch „Das Ende der Megamaschine“ vorstellte. Die ökologischen Krisen wie Klimawandel, Artensterben, Bodendegradation und Wasserarmut würden von den Medien nur als „Nachrichtenschnipsel“ serviert und damit nicht in ihren systemischen Zusammenhängen wahrgenommen, so der Autor. Dazu kämen seit den 1970er-Jahren die zunehmenden ökonomischen Verwerfungen, die zur Delegitimation der traditionellen politischen Kräfte führen. Die Folge: „Ein gefährlicher Rechtsruck in vielen Staaten.“

 „Doppelgesichtigkeit des Fortschritts“

Die Gestalt hinter den Krisenphänomenen sieht Scheidler im „modernen Weltsystem der Expansion und Kapitalakkumulation“. Die mit der industriellen Revolution einsetzende „Megamaschine“ sei zwar sehr produktiv für die 20 Prozent Wohlhabenden auf dem Planeten, schließe jedoch 80 Prozent der Weltbevölkerung aus und kümmere sich auch nicht um die Nebenfolgen: „Die Doppelgesichtigkeit dieses Fortschritts erinnert an die Geschichte des netten Mister Hide und seinem dunklen Schatten Dr. Jekyll.“

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Scheidler kritisierte den Fortschrittsmythos des Westens als „Erzählung von radikaler Überlegenheit“. Gefüttert werde die „Megamaschine“ von großen Konzernen: „Die 500 größten Aktiengesellschaften kontrollieren 50 Prozent der Weltwirtschaft.“ Die Verquickung mit dem Staat sei dabei „Teil des Geschäftsmodells“, was Scheidler an den frühen Eroberungen europäischer Kolonialmächte ebenso deutlich machte wie an den gegenwärtigen Subventionen für das fossile Energieregime oder zuletzt für die sogenannte „Bankenrettung“. Das „Moderne Weltsystem“, das sich in den letzten 500 Jahren etabliert hat, bestehe demnach aus einem modernen Staat, der Territorial- und Besitzrechte durchsetzt, der endlosen Kapitalakkumulation durch Banken, Handelskapital und Aktiengesellschaften sowie der ideologischen Macht, die ein Fortschrittsmodell zur Richtschnur für alle erhoben hat.

 „Den Ausstieg aus der Megamaschine schaffen, solange diese noch läuft“

Da die sich mehrenden Krisen keine Ausrutscher in einem sonst gut funktionierenden System seien, können die Probleme nicht innerhalb der Logik dieses Systems gelöst werden, so die Überzeugung des Historikers. Sein Befund: „Die Maschine läuft nicht mehr rund. Wir steuern zu auf eine chaotische Situation schwindender Kontrollierbarkeit.“ Die entscheidende Frage sei, wie der Wandel aussehen werde und ob dieser friedlich von statten gehe. Was ist zu tun?

scheidler_2Scheidler nannte vier Dinge: 1.) Die Krise als Systemkrise wahrnehmen. 2.) Den Ausstieg aus der Megamaschine schaffen, solange diese noch läuft. 3.) Die Abkehr vom Zwang der Kapitalakkumulation hinkriegen. 4.) Einen neuen verbindlichen Rechtsrahmen schaffen, der die Trennung von Staat und „Big Business“, die Schrumpfung des „metallurgisch-fossilen Komplexes“, ein gemeinwohlorientiertes Finanzwesen und faire Handelsregeln ermögliche.  Notwendig seien hierfür neue „Narrative“ von einer lebenswerten Zukunft. Fünf Strategien könnten dabei helfen: 1.) Gutes Leben statt endloses Wachstum 2.) Aufbau resilienter Systeme und Strukturen 3.) Ausbau der Demokratie 4.) Demokratisierung der Medien 5.) Abschied von der „Tyrannei des linearen Denkens“, die noch immer davon ausgeht, dass die Natur beherrschbar sei.

Der Ausstieg aus der Megamaschine werde ein langer Prozess sein und nicht konfliktfrei verlaufen, so Scheidler. Doch die Zukunft sei offen und die Geschichte habe gezeigt, dass soziale Bewegungen durchaus in der Lage sind, dieser eine neue Richtung zu geben. Damit knüpfte der Autor am Ansatz von Robert Jungk einer Veränderung von unten  an. Die neuen JBZ-Initiativen „Plattform Zivilgesellschaft Salzburg“ und „Projekte des gelingenden Wandels“ weisen ebenso in diese Richtung wie das große Interesse an der Veranstaltung. Unser Dank gilt Petra Nagenkögel vom Verein prolit für die Ko-Veranstaltertätigkeit und die gemeinsame Moderation des Abends. Hans Holzinger

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Fabian Scheidler ist Historiker, freier Publizist, Theaterautor und Betreiber von „KontextTV“, einem freien Fernsehkanal, der kritisch über Themen der Globalisierung berichtet. 2015 ist sein Buch „Ende der Megamaschine. Das Scheitern einer Zivilisation“ im Promedia-Verlag (Wien) erschienen. Die JBZ wählte den Titel in die „Top Ten der Zukunftsliteratur 2015“. Mehr: www.megamaschine.org

Video Scheidler/Felber

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