JBZ-Factsheet: „Salzburgs Wirtschaft im Corona-Stress. Wege in eine nachhaltige Zukunft“

Die wirtschaftlichen und sozialen Folgen von Corona sind auch in Salzburg spürbar. Doch die Krise kann auch als Chance für die notwendigen Klimawende genutzt werden. Nachhaltigkeitsexperte Hans Holzinger von der Robert-Jungk-Bibliothek zeigt in einem neuen Factsheet „Salzburgs Wirtschaft im Coronastress. Wege in eine nachhaltige Zukunft“ insgesamt zwölf Wendeszenarien auf – von der Energie- über die Mobilitäts- bis hin zu einer Ernährungs- und Konsumwende. Download

Die Pandemie hat zu starken Verwerfungen der Wirtschaft geführt. Die Versorgung mit Gütern des Alltags sowie funktionierende öffentliche Einrichtungen traten in den Vordergrund.  Unternehmen werden mit Ausgleichszahlungen für Umsatzrückgänge über Wasser gehalten, die Finanzierung von Kurzarbeit hat ein noch stärkeres Ansteigen der Arbeitslosigkeit verhindert. Einschließlich Schulungsteilnehmende waren im Jänner 2021 in Salzburg 28.000 Personen arbeitssuchend gemeldet, 11.000 mehr als im Jänner des Vorjahres, so Daten des Arbeitsmarktservice Salzburg. Am stärksten getroffen hat es den Tourismus: Im Jänner 2021 gab es im Bereich „Gaststätten und Beherbergung“ 18.000 weniger Beschäftigte als im Jänner 2020, also vor Ausbruch der Pandemie. Aufrüsten musste der Sektor „Gesundheit und Soziales“: 6000 Personen mehr als im Jänner des Vorjahres waren hier laut Statistik der Arbeiterkammer Salzburg Anfang 2021 beschäftigt. In der Stadt Salzburg und den Tourismusregionen im Innergebirg sind die Nächtigungen teilweise nahe Null gegangen. Die Verschuldung der öffentlichen Haushalte ist massiv gestiegen.
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Vorschläge für grünes Wachstum und die Abkehr von der Wachstumsabhängigkeit
Die Publikation von Hans Holzinger macht Vorschläge für ein nachhaltiges Salzburg, die zugleich für ein grünes Wachstum sorgen. Zudem werden aber auch Trends aufgezeigt, die mittelfristig die Abkehr vom Wirtschaftswachstum nahelegen. Holzinger: „Das Einbremsen der Pandemie und das Abfedern der wirtschaftlichen und sozialen Folgen erfordern unmittelbares Handeln und gezielte Sofortmaßnahmen. Dennoch ist die Forderung legitim, die Stützungsmaßnahmen zu verbinden mit der Überwindung der ökologischen Krisen, die durch die Pandemie nicht obsolet geworden sind.“ Salzburgs  Wirtschaft brauche weitere Stimuli, um die Krise zu bewältigen. Doch diese sollten mit Ökologisierungsmaßnahmen verbunden werden.  Dabei kommen der Region auch Förderprogramme wie die Klimamilliarde des Bundes zu Gute. Die Sanierungsrate für Gebäude sei zu verdoppeln, der Ausbau der Erneuerbaren Energieträger zu forcieren. Mit dem neuen Masterplan zur Klima- und Energiestrategie Salzburg 2050 seien wichtige Schritte in Richtung Klimawende gesetzt  worden, so Holzinger. „Um die anvisierten Ziele im Bereich Verkehr, dem Hauptproblemfeld der Klimafrage, nämlich die Reduktion der CO2-Emmissionen bis 2030 um 50 Prozent gegenüber dem Basisjahr 2016, zu erreichen, wird es große Anstrengungen brauchen.“

Würdigung bestehender und geplanter Maßnahmen und Forderung nach einer Denkwende
Im Factsheet würdigt Hans Holzinger die bestehenden und geplanten Maßnahmen seitens der Politik. Er fordert aber auch eine Denkwende seitens aller Akteure – der Unternehmen und von uns Bürgern und Bürgerinnen. „Die Pandemie kann zur Lernerfahrung werden, wenn wir nicht reflexartig zum Status von davor zurückkehren, sondern neue Prioritäten setzen“, so Holzinger. Corona habe die Bedürfnisskala verschoben: Soziale Beziehungen, ein gutes Gesundheitssystem, ein ausgleichendes Sozialgefüge, etwa durch leistbares und qualitätsvolles Wohnen für alle, oder der Wert guter Lebensmittel seien wichtiger geworden. Zur Ernährungswende: Mit 60 Prozent biologisch bewirtschafteter Fläche ist Salzburg Spitzenreiter unter Österreichs Bundesländern, eine Basis, auf der aufzubauen sei. Qualität statt Masse sei auch im Tourismus gefragt. Es könne durchaus sein, dass Fernreisen an Bedeutung verlieren, was sich etwa auf die Besucherströme aus Asien auswirken könnte. Und sollten sich Pandemien häufen, was ökologische Studien nahelegen, „ist Wirtschaft und besonders Tourismus ohnedies neu zu denken“.

„Lebensqualitätsindex für Salzburg“ und neue Unternehmenskennzahlen
In seinem Fazit hofft Holzinger auf die Verschiebung unserer Konsumprioritäten in Richtung langlebiger Produkte und mehr Dienstleistungen. Die Bauwende müsse auf die Zukunftsressource Holz als klimaneutralen Rohstoff setzen. Die Stadtwende sei durch bedeutend mehr Grün, autofreie öffentliche Plätze, Rad- und Fußwege nach einem Konzept der kurzen Wege zu bewerkstelligen. Die Mobilitätswende könne auch durch neue Erfahrungen mit Onlinemeetings und Homeoffice unterstützt werden. Zugleich seien aber mittelfristig auch neue Arbeitszeitmodelle denk- und wünschbar:  „Eine generelle 4- oder 3-Tagewoche kann in Zukunft durchaus Realität werden.“ Der Abschied vom Verbrennungsmotor werde die Autobranche inklusive des Sektors der Reparaturwerkstätten stark verändern. Denn:  „Elektroautos  haben bedeutend weniger Teile, sind daher um vieles wartungsfreundlicher“. Dabei sei E-Mobilität nur ein Teil der Lösung, Siedlungsstrukturen der kurzen Wege, ein moderner öffentlicher Verkehr und vor allem die Ausschöpfung der Fahrradpotenziale sind für Holzinger ebenso wichtig wie E-Autos. Vorgeschlagen werden im Factsheet auch neue Indikatoren zur Messung von wirtschaftlichem Erfolg und von Lebensqualität, etwa durch einen „Lebensqualitätsindex für Salzburg“, der neben der wirtschaftlichen Wertschöpfung auch soziale und ökologische Kriterien berücksichtigt. Für Unternehmen könnten etwa die Kennzahlen der Gemeinwohlökonomie herangezogen werden. Schließlich könne die Pandemie wider den Trend zum Onlineshopping zu einer bewussteren „Ökonomie der Verbundenheit“ führen: Holzinger: „Wenn  nicht mehr allein der Preis eines Gutes den Kaufakt bestimmt, sondern das Wissen, wer das Gut unter welchen Bedingungen hergestellt hat, entsteht eine neue Qualität von Beziehung.“

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