AP 5 / Robert Jungk: Zukunftsforscher in Anführungszeichen

Robert Jungk, Gründer und Namensgeber der JBZ Salzburg, ist inzwischen zu einer Person der Zeitgeschichte geworden. So ist in einem Standardwerk aus dem Jahr 2009 die Rede vom „viel gelesene[n] und noch mehr zitierte[n] ‚Zukunftsforscher‘ Robert Jungk“. Diese Bezeichnung ist gleich in zweifacher Hinsicht typisch für neuere zeithistorische Veröffentlichungen: Erstens wird Robert Jungk in erster Linie über seine Rolle als methodischer Zukunftsdenker definiert, ohne dass diese genauer herausgearbeitet wird. Zweitens zeigen die Anführungszeichen um den „Zukunftsforscher“, wie schwer (nicht nur) Historiker sich damit tun, jegliches methodische Zukunftsdenken einzuordnen.

An diesen Defiziten setzt das Arbeitspapier des Historikers Achim Eberspächer an. Auf der Basis sprachlich-wissenschaftstheoretischer und verwendungsgeschichtlicher Befunde unterscheidet er im ersten Kapitel zwischen der methodischen Perspektive „Prognostik“, die den Anspruch hat, pragmatische Fragen zu beantworten, und dem historischen Phänomen „Futurologie“, das den Anspruch hatte, gesellschaftliche und ethische Probleme anzugehen. Beides (und noch mehr) kann mit „Zukunftsforschung“ gemeint sein. Eberspächer schlägt daher vor, auf diesen problematischen und vagen Begriff vollständig zu verzichten und Robert Jungk stattdessen als Futurologen zu bezeichnen.

Diese Rolle beleuchtet Eberspächer in den folgenden Kapiteln. Robert Jungks Bedeutung für die Futurologie begann mit dem Erscheinen seines Bestsellers „Die Zukunft hat schon begonnen“ in und in dessen Folge er Gegenentwürfe zu den Geschichten von Erschließung durch naturwissenschaftlich-technischen Fortschritt präsentierte, die die 1950er- und frühen 1960er-Jahre dominierten. Ab 1964 wurde Jungk zur Schlüsselfigur des Projekts Futurologie, von dem er sich ab Beginn der 1970er-Jahre wieder mehr und mehr entfernte. Jungks letzter und bleibendster Beitrag zur Geschichte des methodischen Zukunftsdenkens war die Erfindung der „Zukunftswerkstätten“, deren Ziel es ist, zu Erkenntnissen zu verhelfen, wie sich individuelle Zukünfte gestalten lassen. Jungks verschiedenartige, teils konstruktive, teils destruktive Beiträge zum Projekt Futurologie lassen zunächst grundlegende Brüche und Positionsänderungen vermuten. Bilanzierend zeigt Eberspächer jedoch, dass hinter dem Werk des Zukunftsdenkers Jungk eine unverrückbare Grundhaltung steht.

Mit Focus auf Robert Jungks Wirken skizziert Eberspächer zugleich die wesentlichen Aspekte der Futurologie als wissenschaftlich-institutionelles Projekt im deutschsprachigen Raum der späten 1960-er und frühen 1970-er Jahre. Ebenso rasch, wie dieses von öffentlichem Interesse getragene Phänomen aufstieg, scheiterte es wieder – auch durch einen eskalierenden Konflikt zwischen seinen beiden Schlüsselfiguren Robert Jungk und Karl Steinbuch. Damit macht Eberspächer zuletzt nachvollziehbarer, warum das breit angelegte methodische Zukunftsdenken im deutschsprachigen Raum heute vergleichsweise schwach institutionalisiert ist.

Das Arbeitspapier ist hier im Volltext zu lesen.

 

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