Projekt „salzburg morgen“, Phase II

Auf der Basis von mehr als 35 Diskussionen im Rahmen der JBZ-Montagsrunden hat ein Redaktionsteam versucht, Entwicklungen zu benennen, die bis 2030 in Salzburg eintreten werden. In einer Abstimmung wollten wir wissen, ob Sie diese Thesen für plausibel halten.

Anfang 2012 wurde ein umfangreicher Bericht über die ersten fünf Trends in der Reihe der JBZ-Arbeitspapiere veröffentlicht. Die Salzburger Nachrichten und das Salzburger Fenster berichteten 2012 ausführlich. Jetzt stellen wir die Thesen sechs bis neun zur Diskussion.

These 6: Soziale Polarisierung nimmt in Salzburg zu, durch Verknappung von Wohnraum, “Ethnisierung” von Armut, stärkere Abgrenzung zwischen den sozialen Schichten.

Die Armutsgefährdungs-Quote im Salzburger. Sozialbericht 2011 zeigt Verbesserungen: die Quote betrug 2010 „nur“ 9,8 Prozent (2009 – 10,3 Prozent). Dennoch: die soziale Polarisierung nimmt spürbar zu. Wohnungen sind für Viele nicht mehr „leistbar“, der durchschnittliche Wohnungsaufwand pro Quadratmeter ist in Salzburg österreichweit am höchsten (Statistik Austria). In Salzburg ist die Zahl der unterstützten Personen 2011 um 1,7 Prozent angestiegen, die Einführung der „ergänzenden Wohnbedarfshilfe“ ist eine Folge davon. Ausländische Staatsbürger sind bes. gefährdet (plus 19 Prozent), ein Pflichtschulabschluss als höchste abgeschlossene Schulbildung bedeutet höheres Armutsrisiko (plus 9 Prozent).

These 7: Zunehmende kulturelle Vielfalt in der Gesellschaft, unter anderem aufgrund des Nachrückens von Generationen mit Menschen mit Migrationshintergrund und der gesellschaftlichen Ausdifferenzierung

Kulturen sind keine in sich geschlossenen Gebilde, sondern sind ständig der Veränderung unterworfen. Neues wird in die jeweilige Kultur adaptiert und integriert. Dabei gibt es keine einheitliche, mit einer Gesellschaft kongruente Kultur. Vielmehr setzen sich Gesellschaften durch ausdifferenzierte Systeme mit ganz unterschiedlichen kulturellen Prägungen zusammen. Gefördert wird diese Entwicklung durch die wachsende Mobilität von Menschen, durch den Austausch von Ideen und (kulturellen) Gütern über gesellschaftliche Grenzen hinweg und durch das Bedürfnis der individuellen Identitätskonstruktion.
In Salzburg werden mehr Menschen leben, die nicht in Österreich geboren sind. Berufliche und familiäre Gründe werden dafür hauptausschlaggebend sein. Das Auswahl- und Bastelmoment, das im Bereich der Religionen bereits seit geraumer Zeit bekannt ist, ist auch im Bereich der Kulturen immer häufiger anzutreffen.

These 8: Das steigende durchschnittliche Alter der Salzburger Bevölkerung wird die öffentlichen Finanzen unter Druck setzen.

Die Salzburger Bevölkerung wird bis 2030 auf rund 550.000 Personen ansteigen. Darunter wird es immer mehr ältere Menschen geben. Der demographische Wandel wird zu mehr Ausgaben im Bereich der Pflege und der Krankheitsbehandlung führen. Diese Ausgaben werden zum überwiegenden Teil durch öffentliche Haushalte und die Sozialversicherungen erbracht. In Salzburg hängen die Einnahmen der öffentlichen Hand überwiegend von Ertragsanteile der Bundeseinnahmen ab. Ein unzureichendes Wachstum des Steueraufkommens reduziert den finanziellen Spielraum von Gemeinden, Städten und dem Land. Ausgabenseitig sind Gemeinden, Städte und Land vor allem im Bereich der Pflege und der Gesundheit betroffen. Die Belastung des Bundes-Haushaltes durch die Sozialversicherung wird es unwahrscheinlich machen, dass die Finanzierungsprobleme des Landes durch den Bund im Finanzausgleich abgefangen werden können. Die strukturelle Erhöhung der Einnahmenseite der öffentlichen Haushalte durch das Anheben der Steuern und Abgaben wird durch die Internationalisierung des Wettbewerbs um Investitionen erschwert.

These 9: Internationalisierung des Lebens in Salzburg nimmt zu durch ökonomische Globalisierung, berufliche Spezialisierung und Bildung

Einkommenssicherung und Einkommenssteigerung sind in einer kleinen Volkswirtschaft nur mit einer immer tiefer greifenden Integration in die internationale Arbeitsteilung möglich. Die internationale Diversifizierung verringert die Abhängigkeit von einzelnen Ländern und gleicht das zu erwartende langsamere Wachstum in traditionellen Märkten aus. Verstärkte Arbeitsteilung und Mobilität von Menschen gehen Hand in Hand. So werden Teams mit Mitgliedern unterschiedlicher Nationalität, Sprache, Kultur und Ethnie keine Einzelfälle mehr sein. Bildung kann sowohl die Möglichkeiten zur Internationalisierung erweitern als auch ein eigenständiger Treiber der Internationalisierung sein.

Thesen 1 bis 5

Die ersten fünf Thesen, gereiht nach der Abstimmung unter den TeilnehmerInnen der Montagsrunden waren:

These 1: Sinkende Wahlbeteiligung, weniger Parteimitglieder, mehr WechselwählerInnen und weniger KandidatInnen werden eine Öffnung des politischen Systems notwendig machen.

Die Politik in Salzburg wird in 20 Jahren grundlegend anders aussehen: Weniger Parteieneinfluss und neue Beteiligungsformen werden das Bild prägen. Die Wahlbeteiligung ist seit1970 je nach Wahlgang zwischen zehn und vierzig Prozent gesunken. Potential nach unten ist – wenn man mit anderen entwickelten Staaten vergleicht – noch vorhanden. Die Parteimitgliedschaften nahmen seit1970 um rund 50 Prozent ab. Potential nach unten ist – wenn man die Altersstruktur der Mitlieder beachtet – noch vorhanden. Die Parteiloyalität nimmt auch bei Wahlen ab, die Veränderungen bei den Wahlergebnissen bei jedem Wahlgang nehmen tendenziell deutlich zu. Die Bereitschaft, sich Wahlen zu stellen nimmt ab, es wird immer schwieriger Gemeindevertretungskandidaten zu gewinnen.

In 20 Jahren werden sich diese Entwicklungen weiter zuspitzen, die bestehenden Mechanismen des politischen Systems in Salzburg werden sich den Entwicklungen anpassen: Ansatzpunkt wird die weiter bestehende Bereitschaft eines guten Teils der Bevölkerung sein, sich aktiv einzubringen. Dafür gilt es neue Möglichkeiten zu schaffen.

These 2: Es kommt zu einer Kommerzialisierung von immer mehr Lebensbereichen. Immer mehr Bereiche des menschlichen Lebens werden durch spezialisierte, den Bedürfnissen der jeweiligen Zielgruppe angepasste, Marktangebote bedient.

Über die Erwerbsarbeit und ihren großen Stellenwert in der Gesellschaft, hält die Logik der Ökonomie – eine Logik des immer größer, immer besser, immer mehr – auch in den privaten Lebenswelten Einzug: Um mithalten zu können müssen Menschen einen großen Teil ihrer Lebenszeit in den Beruf investieren; Ausbildungs-, Spezialisierungs- und Qualifizierungszeiten mitgerechnet. Gleichzeitig steigt die Erwartungshaltung auch für den privaten Bereich und für die knapp bemessene Freizeit.

V.a. in den städtischen Bereichen wird die Anzahl von alleine lebenden Menschen, die nur über kleine private Netzwerke verfügen, ständig zunehmen. Durch knappe Zeitressourcen, hohe Spezialisierungsgrade und das Wegfallen tragfähiger Netzwerke muss „Lebenskompetenz” zugekauft werden, was einen Markt für neue (Lebens-)Angebote eröffnet.

These 3: In einer zunehmend wissensbasierten Ökonomie werden wegen Abwanderung die Unterschiede zwischen Zentralraum und dem Süden des Landes zunehmen.

Das Bundesland Salzburg ist durch starke soziökonomische Disparitäten zwischen dem Zentralraum und den südlichen Landesteilen gekennzeichnet. Die Gebirgsgaue verzeichnen ein niedrigeres Bruttoregionalprodukt, niedrigere Einkommen und höhere Arbeitslosenquoten.

Für die Zukunft ist ein weiteres Auseinanderdriften der Salzburger Regionen zu erwarten. Während sich im Kernraum innovative Industrie- und Dienstleistungsunternehmen mit hohen Qualifikationsanforderungen ballen, dominieren in den südlichen Landesteilen stagnierende Niedriglohnbranchen wie der Tourismus oder das Bauwesen, die höher Gebildeten wenig Perspektiven bieten.

Immer mehr Junge und höher Gebildete werden die ländlichen Regionen verlassen, wodurch ländliche Entwicklungspotentiale weiter geschwächt werden. Die Abwanderung wird sich negativ auf die lokale Wirtschaft auswirken: Geschäfte und Gasthäuser werden schließen, Arbeitsplätze werden verloren gehen. In der Folge droht der Rückbau öffentlicher Infrastruktur, von Postämtern, Kindergärten und Schulen.

Antworten auf diese Entwicklungen zu finden, wird eine zentrale politische Herausforderung werden. Grundsätzlich stehen zwei Optionen offen: man setzt auf regionalen Ausgleich und versucht der Ausdünnung des ländlichen Raums politisch entgegen zu wirken oder man akzeptiert und begleitet den ländlichen Schrumpfungsprozess, was in Österreich einem Tabubruch gleichkäme.

These 4: Der Klimaerwärmung wird sich auswirken, besonders auf den Tourismus Innergebirg, wo die Temperaturen schneller steigen werden.

Es besteht kein begründeter Zweifel mehr, dass weltweit eine Klimaerwärmung im Gange ist, welche durch die Emission von Treibhausgasen verursacht wird. Die weltweite Durchschnittstemperatur ist weltweit seit Ende des 19. Jahrhunderts um ca. 0,8 Grad gestiegen. Prognosen der Internationalen Energieagentur gehen bis 2030 von einer weiteren weltweiten Steigerung des Energieverbrauchs um ca. 50% aus, was eine weitere Steigerung der Emissionen bedeutet.

Da im Alpenraum die Temperaturen 1,5 bis 2mal so schnell steigen wie im weltweiten Durchschnitt, sind in Salzburg besonders die Bezirke „Innergebirg“ davon betroffen. Messungen ergeben einen Anstieg der Temperaturen im Alpenraum seit Ende des 19. Jahrhunderts von 1,8 Grad. Da eine weitere Erwärmung aufgrund der Trägheit der Systeme für viele Jahrzehnte nicht mehr aufzuhalten ist, wird die Salzburger Politik und die Bevölkerung bis 2030 mit folgenden Klimaveränderungen verstärkt konfrontiert werden:

◦Verringerung der Dauer und der Dichte der Schneedecke besonders in Tal- und mittleren Höhenlagen, Verschwinden der Gletscher

◦Zunahme von Extremereignissen (Hitze- und Trockenperioden, Starkregen und damit Hochwasser)

◦Naturgefahren im Gebirge (Auftauen des Permafrosts, damit erhöhte Felssturz- und Murentätigkeit)

◦Stressphänomene der Vegetation, Immigration von Schädlingen

Die Politik wird mittelfristig verstärkt in notwendige Anpassungsstrategien investieren müssen. Eine besondere Herausforderung besteht jedoch für die Wirtschaftspolitik darin, so rasch als möglich die Investitionen und Förderungen in zukunftsfähige Bereiche zu lenken. Einerseits müssen energie- und klimapolitischen Ziele erreicht werden, andererseits muss die Tourismuswirtschaft für die Veränderungen der nächsten Jahrzehnte so fit wie möglich gemacht werden.

These 5: Das Jahr 2030 wird ein grundlegend reformiertes Gesundheitssystem, mehr Gesundheitsdienstleistungen und mehr Gesundheitsvorsorge sowie -erhaltung sehen.

Ein vereinheitlichtes, transparenteres und bundesweit gesteuertes Leistungs‐ und Gebarungssystem im Gesundheitswesen, der Anstieg des Dienstleistungssektors im Bereich der Gesundheit und der Ausbau von Vorsorgemaßnahmen wie auch die Erhaltung der Gesundheit (im Sinne einer Eigenverantwortlichkeit von Patienten) stehen im Vordergrund der nächsten Jahre.

Der demografische Wandel (Überalterung der Bevölkerung bei gleichzeitiger Senkung der Geburtenraten), die Zunahme chronischer Krankheiten, globale, sich rasch verbreitende Krankheitsbilder und der medizinisch‐technische Fortschritt belasten Gesundheitssysteme. Veränderungen für das Bundesland Salzburg ergeben sich insofern, als u.a. aus Kostengründen das Gesundheits‐ und Versicherungswesen möglicherweise bundesweit vereinheitlicht werden soll, länderspezifische Verhandlungen mit Ärztekammern zentral gelenkt wie auch komplexe Finanzströme nivelliert und transparenter gestaltet werden.

Dem Vorsorgegedanken (zB durch Gentests zur Gesundheitsvorsorge, Präimplantationsdiagnostik, Eizellhortung für den eigenen, zukünftigen Gebrauch) wird ein viel höherer Stellenwert zukommen, die Erhaltung der Gesundheit wird tunlichst auf die gesamte Lebensspanne ausgedehnt (schlechte Ernährung, Bewegungsmangel oder beispielsweise Suchtverhalten soll vermieden werden, um nicht nur im verlängerten Erwerbsalter sondern auch älteren Menschen ein gesundes Leben zu ermöglichen) und dementsprechend findet der Wellness‐ und Sportbereich noch mehr Aufwertung. Der Ausbau von Palliativstationen, Hospizen, Pflege‐ und Altersheimen, aber auch von Biobanken bewirkt eine Expansion des Dienstleistungssektors im Gesundheitsbereich.

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