„Die Welt als Ganzes ist in einen neuen Modus zu bringen.“ Johannes Schmidl in der Reihe JBZ-Zukunftsbuch

schmidl_zukunftsbuch

Utopien seien kein Synonym dafür, was nicht geht, sondern ein rationaler, wenn auch noch nicht realisierter Zukunftsentwurf, so Johannes Schmidl bei der Präsentation seines Buchs „Bauplan für eine Insel“ (Sonderzahl-Verlag) in der Reihe JBZ-Zukunftsbuch am 13. Oktober 2016. Zeitutopien stellte der Autor Ortsutopien gegenüber, wobei historische Zukunftsentwürfe etwa bei Platon oder Thomas Morus in der Regel auf Inseln angesiedelt waren. Die Herausforderung heute bestehe darin, die Welt insgesamt als zu erhaltende Insel wahrzunehmen. Probleme wie Hunger, Degration von Ökosystemen oder der Klimawandel müssten global angegangen werden. Einzelne Systemkorrekturen würden da nicht reichen: „Die Welt als Ganzes ist in einen neuen Modus zu bringen.“ Notwendig seien neue utopische Erzählungen, Zeitutopien von gelingender Zukunft – für den Westen ebenso wie für den Süden, so Schmidl.

Europa als Realutopie

Materieller Wohlstand, für alle zugängliche Sozialsysteme und funktionierende Demokratien machten Europa nach 1945 zur ersten Realutopie in der Geschichte, so Schmidl. Das Besondere an der „Realutopie Europa“ sei, dass deren Errungenschaften zwar wie selbstverständlich in Anspruch genommen, nicht mehr aber in ihrem Wert wahrgenommen würden. Wir sehen nur das, was nicht funktioniert. Und zudem werde ausgeblendet, auf welchen Vorrausetzungen dieses „Inselleben“ basiert. Denn: „Die Insel, die wir während unserer Ausflüge nur scheinbar verlassen, ist eine des nicht globalisierbaren Ressourcenverbrauches“ und des Anspruchs „auf erzwungene Bescheidenheit jener, die außerhalb der Insel leben.“. Oder pointiert: „Obwohl wir unsere Werte als universell verstehen, ist es unsere Art zu wirtschaften und zu leben nicht.“

Attraktive Zukunftserzählungen für die Benachteiligten

Für die Ausgeschlossenen stelle Europa jedoch eine „Ortsutopie“ uneingeschränkter Attraktivität dar. Während frühere historische Utopien in die Zukunft verlagert waren („Zeitutopien“), gäbe es heute eben reale Wohlstandsinseln. Wie die früheren utopischen Entwürfe würden die heutigen Ortsutopien durch Erzählungen weitergetragen – mit mehr oder weniger Realitätsgehalt. Aber die Geschichten tun ihre Wirkung: „Das Streben der Menschen nach der Insel der erfüllten Utopie wird vom Wasser gehemmt, von Zäunen erschwert, von Bürokratien verlangsamt, doch es wird von der Spannung zwischen dem Quell- und dem Zielort angetrieben.“

Die neuen Flüchtlings- und Wanderungsbewegungen  machen den Bewohner/innen der Wohlstandsinsel die Fragilität ihrer Privilegien deutlich, folgert Schmidl. Alle Wanderungsfähigen in Europa aufzunehmen, wäre nicht machbar und würde unsere Sozialsysteme überfordern. Um den Strom der Menschen zu hemmen, brauche man aber nicht den Widerstand erhöhen, „man könnte auch das Niveaugefälle zwischen den Herkunfts- und den Zielländern“ zu verkleinern versuchen. Da der Export unserer Wohlstandsversprechen auf ökologische Grenzen stoße, gelte es neue Utopien zu finden. Schmidl schlug etwa Solarenergie-Projekte für Afrika vor.

Kommentar verfassen