„Die Übertreibung der Ingenieure steigt mit der Abhängigkeit ihrer Projekte von Finanzmitteln“ | Diskussion über Arbeit 4.0 in der Reihe JBZ-Zukunftsbuch

„Im Sprechen über Digitalisierung fehlt meistens der Mensch“, so brachte Matthias Martin Becker gestern in der Reihe JBZ-Zukunftsbuch das zentrale Anliegen seiner Reportagen zu „Automatisierung und Ausbeutung“ auf den Punkt. Technikgeschichte sei immer mit Technikphantasien verbunden und Hochstapelei habe eine altehrwürdige Tradition in der Technikdebatte, dies demonstrierte der Berliner Wissenschaftsjournalist, der u.a. für den Deutschlandfunk arbeitet, an historischen Beispielen wie einem Schachautomaten aus dem 19. Jahrhundert. Dies gelte auch für den aktuellen Hype über Digitalisierung, Industrie 4.0 und Arbeit 4.0.

„Techniker versprechen mehr als sie halten können und die Übertreibung der Ingeneure steigt mit der Abhängigkeit ihrer Projekte von Finanzmitteln“, erläuterte Becker die Wechselwirkung von Forschungsgeldern und Zukunftsversprechen, auf die bereits Robert Jungk in den 1950er-Jahren verwiesen hat. Zum einen würden etwa mit Robotern unrealistische Phantasien verbunden, zum anderen stünden hinter Maschinen immer Menschen.

Dies brachte Becker zu den Auswirkungen neuer Technologien auf die Arbeitenden. „Arbeit wird nicht überflüssig, sondern neu in Wert gesetzt“, so der Autor.  Automatisierungsprozesse habe es seit den 1990er-Jahren gegeben, durch neue Softwaren der Datenverarbeitung solle nun vor allem die automatische Steuerung des Managements von Produktionsprozessen vorangetrieben werden. Es bestehe die Vision der digitalen Transparenz: „Die Fabrik soll zu einer großen Maschine werden und die arbeitenden Menschen werden so zu Organen der Fabrik als Maschine.“ Dies führt zu vermehrter Kontrolle der Arbeitenden. Es steigt aber auch die Abhängigkeit der Unternehmen von jenen, die die Maschinen steuern oder warten, machte Becker die Ambivalenz dieser Entwicklung deutlich. Maschinen seien teuer und ihr Ausfall kostspielig.

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Podiumsgespräch mit Tobias Hinterseer (AK), Peter Ruhmannseder (arbeit +) und Autor Matthias Martin Becker. Im Bild rechts: Moderator Hans Holzinger (JBZ). Foto: Kathrin Kinieng (JBZ)

Auswirkungen auf die Arbeitswelt | Podiumsgespräch

Tobias Hinterseer von der AK Salzburg verwies im anschließenden Podiumsgespräch auf den ideologischen Charakter der aktuellen Debatten: „Mit dem Wettbewerbsargument und dem versprochenen Hype durch Industrie 4.0 werden bewusst Sachzwänge geschaffen, die zur Aushöhlung von Arbeitnehmerrechten führen.“ Die Gefahr der Überwachung der Belegschaften durch die neuen Möglichkeiten des Controlling wachse und erzeuge Druck, da man glaubt, permanent kontrolliert zu sein.

Peter Ruhmannseder von arbeit+, dem Zusammenschluss der sozialökonomischen Betriebe in Salzburg, verwies auf die Veränderungen des Arbeitsmarktes durch die Digitalisierung, wodurch die Schere zwischen Gutqualifizierten und Benachteiligten weiter aufgehe. Notwendig sei Arbeit in Zukunft weiter zu fassen und auch neue Arbeitszeitmodelle anzudenken.

Die Frage einer Neujustierung der Sozialsysteme sowie des Arbeitsmarktes als Konsequenz der Digitalisierung waren ebenso Thema der folgenden Publikumsdiskussion sowie die Potenziale und Gefahren von Crowdwork und den neuen Internet-Vermittlungsplattformen wie Airbnb oder Uber. Becker plädierte für gemeinnützige Plattformen, in denen der Gewinn nicht bei profitorientierten Unternehmen bleibe.

Das Buch „Automatisierung und Ausbeutung“ von Matthias Martin Becker ist bei Promedia erschienen. Es wird im Rahmen eines Schwerpunkts „Digitalisierung und Arbeitswelt“ in der nächsten Ausgabe der JBZ-Zeitschrift „Pro Zukunft“ mit anderen Neuerscheinungen zum Thema vorgestellt.

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