ZB 37 | Prävention als beste Strategie gegen Extremismus und Fanatismus

„Radikal gegen Extremismus. Theorie und Praxis 20-jähriger muslimischer Jugendarbeit“ – so der Titel eines in Österreich bislang wohl einzigartigen Buches. Gestern wurde es in der Reihe JBZ-Zukunftsbuch in unserem bis auf den letzten Platz gefüllten Veranstaltungsraum vorgestellt.

„Warum macht ihr nichts gegen Extremismus? Warum distanziert ihr euch nicht?“Diese und weitere Fragen hören muslimische Jugendliche häufig. Sie geraten damit in eine Rechtfertigungsposition für Dinge, die sie gar nicht verantworten können, so Nedžad Moćević, einer der Herausgeber des Bandes. Kulturalistische Betrachtungsweisen, Vorurteile und Verallgemeinerungen würden es den Jugendlichen schwer machen, ihre eigene Identität zu entwickeln.

Am Beispiel eines realen Falles schilderte Moćević, wie junge Muslime in die Fänge extremistischer Strömungen gelangen können.  Individuelle und kollektive Kränkungen wie der Verlust der Heimat und von Familienmitgliedern, erlebter Rassismus sowie Abwertungen, gepaart mit Ohnmachtserfahrungen sind für ihn der Nährboden, auf dem Fanatismus wachse. Wichtig sei, solche Jugendlichen im Gespräch ein Beziehungsangebot zu machen und ihnen die Möglichkeit von Selbstwirksamkeitserfahrungen zu geben, also „Alternative Heroes“ etwa im Engagement in einer Gruppe oder für ein Projekt zu werden. Wichtig sei in Gesprächen zu unterscheiden, dass man Wut und Hassgefühle verstehen könne, jedoch nie aggressives oder gewalttätiges Handeln zu rechtfertigen.

Zweitherausgeber Alexander Osman, der seit langem in der Jugendarbeit tätig ist und am Praxisteil des Buches mitgeschrieben hat, unterschied drei Phasen des Eingreifens. Besonders wichtig sei Präventionsarbeit, in der Jugendlichen in Beratungsgesprächen und Workshops die Möglichkeit zur Selbst- und Gruppenreflexion gegeben werde. Wenn Jugendliche bereits in extremistischen Kreisen gefangen seien, brauche es Intervention unter Einbeziehung rechtsstaatlicher Institutionen. Wichtig wären drittens aber auch Programme für Jugendliche, die bereits straffällig geworden sind – ähnlich den Programmen für rechtsextreme Straftäter.

Beide Experten, die als Workshopleiter für Jugendeinrichtungen und Schulen sowie in der „Beratungsstelle Extremismus“ tätig sind, betonten, dass es für Jugendliche besonders wichtig ist, ihre eigene Persönlichkeit entwickeln zu können, ohne auf eine bestimmte Gruppenidentität festgelegt zu werden. „Multiple Identitäten“ und die Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Communities seien in diesem Sinne ein zukunftsweisender Weg. Berufliche Integration spiele dabei ebenso eine wichtige Rolle wie die „emotionale Integration“ etwa durch Zugehörigkeit zu einem bestimmten Ort oder Stadtteil, wie Alexander Osman betonte.

Die Veranstaltung wurde gemeinsam mit dem Friedensbüro Salzburg und dem Salzburger Bildungswerk ausgerichtet.  Was uns besonders freut: Unter den Teilnehmenden waren zahlreiche muslimische Jugendliche.
Fotos: Katharina Kiening/JBZ, MucanFilm.

Das Buch „Radikal gegen Extremismus. Theorie und Praxis 20-jähriger muslimischer Jugendarbeit“ umfasst neuen Fachbeiträge und ist bei NAP – New Academic Press erschienen. Bestellung im Buchhandlung oder hier.

 

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