Bei vollem Haus ging es am 3. April 2019 in der JBZ-Reihe „Zukunftsbuch“ um eine zukunftsfähige Mobilität. Der Politikwissenschaftler und Verkehrsexperte Winfried Wolf machte deutlich, dass die Klimaziele nur mit einer völlig anders gedachten Mobilität jenseits des Autos erreicht werden können. Und: Lebensqualität in den Städten könne es
nur mit einer Renaissance des Fahrrads und einem modernen öffentlichen Verkehr – möglicherweise zum Nulltarif – geben.

Interview auf JBT TV mit FS1| Vortrag auf Freies Radio Salzkammergut

Wolf nannte eine dreifache Krise der Mobilität. Die Glaubwürdigkeitskrise der Automobilindustrie durch den Dieselgate-Skandal, die Krise der Städte durch die zunehmenden Staus und gesundheitlichen Gefährdungen insbesondere durch Feinstaubbelastung, schließlich die Klimakrise, an der die Automobilität einen wesentlichen Anteil habe. Seit der Rio-Konferenz im Jahr 1992 ist der weltweite Ausstoß an CO2-Gasen um 50 Prozent angestiegen, so einer der Befunde des Autors.

Die Propagierung des Elektroautos sei nun der Versuch, diesen Krisen zu entgegnen. Die Automobilindustrie gäbe sich mit den neuen E-Modellen einen grünen Anstrich, auch wenn die überwiegende Mehrzahl der verkauften Autos weiterhin Benziner und Dieselfahrzeuge sind. Zudem wäre der einfache Ersatz der fossilen Antriebe durch Elektroantriebe ökologisch kontraproduktiv, wie Wolf in seinem Buch „Mit dem Elektroauto in die Sackgasse“ fundiert darlegt.

Winfried Wolf über eine radikale Mobilitätswende in der Reihe JBZ-Zukunftsbuch

Elektroautos haben einen großen ökologischen Fußabdruck in der Herstellung und einen ebenso großen, wenn der Strom aus fossilen Kraftwerken stamme. Zudem sei mit einem weiteren Ausbau der Atomenergie zu rechnen, was Wolf am Beispiel China ausführte. Laut bisherigen Erfahrungen in Ländern, in denen die E-Mobilität stark gefördert wird, etwa Norwegen und Schweden, gäbe es auch Bumerangeffekte: das E-Fahrzeug wird als zusätzliches Zweit- oder Drittauto angeschafft, Menschen kehren vom Öffentlichen Verkehr wieder zurück zum Auto – eben zum E-Auto mit gutem Öko-Gewissen.

Dass der Automobilsektor aufgrund der vielen Arbeitsplätze erhalten bleiben müsse, ließ Wolf als Argument nicht gelten. Niemand hätte aufgeschrien, als bei der Deutschen Bahn aufgrund von Ausdünnungen und Rationalisierungen 280.000 Arbeitsplätze verloren gegangen sind. Die Schaffung eines attraktiven öffentlichen Verkehrsnetzes erfordere Investitionen, die sinnvolle Arbeitsplätze schaffen würde. Zudem gäbe es genug Arbeit etwa im Ausbau der öffentlichen Kinderbetreuung, den Schulen oder der Betreuung älterer Menschen.

Der Experte räumte ein, dass E-Autos ein kleiner Teil der Lösung sein können, aber nur dann, wenn der private PKW-Verkehr drastisch reduziert wird, eben eine tatsächliche Mobilitätswende stattfindet. Wie für die Mehrheiten zu gewinnen wären, das war auch Thema der anregenden Diskussion mit dem Publikum.

Am 4. April referiert Winfried Wolf im Rahmen der Ringvorlesung „Antworten auf den Klimawandel“ an der Universität Salzburg. Am 5. April nimmt an der Demonstration „Fridays for Future“ teil und wird dort die erste Vorlesung im Rahmen des „Streikenden Klassenzimmers halten.

Eine Besprechung des im Promedia-Verlag erschienenen Buches kommt in der nächsten Ausgabe unseres Rezensionsmagazins „proZUKUNFT“. Ein Mitschnitt vom Vortrag wird Freitag, den 10. April in einer Wissenschaftssendung von Franz Daschil der Radiofabrik um 16 Uhr gesendet. Und auf JBZ TV in Kooperation mit FS1 erscheint ein Interview mit dem Referenten, das Kollege Stefan Wally geführt hat.

Moderation und Bericht: Hans Holzinger, Fotos: Reinhard Geiger