Paradigmenwechsel in den Wirtschaftswissenschaften und Abkehr von der Marktgläubigkeit gefordert | Spannende Diskussion in Kooperation mit St. Virgil und der Universität Salzburg

Die Mainstream-Ökonomie habe das weitgehende Monopol an den Universitäten sowie bei den Lehrbüchern, heterodoxe Ansätze der Ökonomie fristeten hingegen nach wie vor ein Rand-Dasein. Dies zu ändern sei Anliegen seines neuen Buches „This is not Economy“ (Buchbesprechung auf proZukunft im Link), so Christian Felber am 29. Jänner 2020 in einer Kooperationsveranstaltung von St. Virgil Salzburg, Universität Salzburg und Robert-Jungk-Bibliothek. Er diskutierte gemeinsam mit Christian Zeller, Leiter der Arbeitsgruppe Wirtschaftsgeografie an der Universität, und Nikolaus Dimmel vom Fachbereich Rechtssoziologie, unter der Leitung von Lisa Buchner. Oliver Tanzer hat in DIE FURCHE eine sehr treffende Buchbesprechung geliefert. Im Link mit Online -Abo oder hier als pdf nachzulesen.

Um die Wirtschaft zu verändern, müsse auch die Lehre über die Wirtschaft verändert werden, so Felber. Seine Hauptkritik an der Neoklassik: der Glaube an die Gleichgewichtstheorie, also dass der Markt sich am besten selber regle. Alle unsere Krisen – von den Umweltkrisen bis hin zu den Finanzkrisen – würden jedoch belegen, dass dem nicht so ist, so Felber. Auch die angebliche Wertfreiheit der mit mathematischen Modellen operierenden neoklassischen Ökonomik kritisierte der Begründer der Gemeinwohlökonomie.

Das Menschenbild vom nutzenmaximierenden egoistischen Wesen basiere nicht weniger auf Werten wie die Prinzipien von Konkurrenz und Wachstumsfixierung. In ihren Anfängen sei die Wirtschaftswissenschaft eine ethische Wissenschaft gewesen („Adam Smith war Moralphilosoph“) und es sei um Politische Ökonomie gegangen. Felber forderte die Einbeziehung der Vielfalt ökonomischer Ansätze in die Wirtschaftswissenschaften – von der Ökologischen Ökonomie über die historische und Institutionenökonomie bis hin zu feministischen Ansätzen.

Christian Zeller teilte Felbers Kritik an der Mainstream-Ökonomie, etwa das Wachstumsparadigma, argumentierte aber, dass dem Kapitalismus nicht mit der Forderung nach einem anderen Wertesystem beizukommen sei. Vielmehr müsse seine Funktionsweise, der Zwang zur Akkumulation und Profitsteigerung in den Blick genommen werden. Unternehmen, die sich dem nicht beugen, würden untergehen. In der Klimakrise fokussiere sich nun das Dilemma des Expansions- und Wachstumszwangs. Das System gerate an seine physischen Grenzen, die „Planetary Boundaries“ seien real und zwingen zu einem radikalen Kurswechsel.

Zeller dazu: „Nicht nur anders, sondern bedeutend weniger produzieren, verteilen statt weiter wachsen und die Produktion demokratisieren.“ Die Herausforderung liege darin, diese Transformation sozial und ökologisch mit geringen Friktionen hinzukriegen, etwa in der Automobilindustrie. Alte Produktionsbereiche würden stillgelegt, die ökologische Transformation aber auch neue Arbeitsfelder eröffnen, etwa in einer ökologisierten Landwirtschaft.

V.l.nr: Christian Felber, Lisa Buchner, Christian Zeller, Nikolaus Dimmel

Nikolaus Dimmel ging noch einen Schritt weiter, indem er die angebliche Rationalität nicht nur der ökonomischen Modelle, sondern auch der wirtschaftlichen Entscheidungsträger in Frage stellte. Die meisten Entscheidungen von Managern sowie jene der Finanzmarktjongleure entstünden im Bauch. Den entscheidenden Paradigmenwechsel verortete der Sozialwissenschaftler in der neoliberalen Wende der 1970-Jahre mit ihrem Privatisierungskurs. Die neuen ökologischen und sozialen Herausforderungen würden jedoch eine staatliche Planung erfordern – Dimmel sprach von „kollektiver Rationalität“. Das Ziel einer Kreislaufwirtschaft sowie die Sicherung der Daseinsvorsorge durch eine auszuweitende „Sozialwirtschaft“ – beides sei im neuen EU-Programm zentral verankert – könne nicht dem Markt überlassen werden.

Ein sehr spannender Abend, bravourös moderiert von der Politikwissenschaftlerin Lisa Buchner. Die zentrale Erkenntnis: Theorieschulen bilden nicht nur Wirklichkeiten ab, sondern dienen auch zu deren Legitimation. Herrschendes Wissen wird so zu Herrschaftswissen. Sich verändernde Wirklichkeiten lassen jedoch neue Erklärungsmodelle entstehen – dies ist die Stärke der offenen Gesellschaft. Ihnen Geltung zu verschaffen, ist im Sinne des Kuhn´schen Paradigmenwechsels auch Ziel des Buches von Christian Felber, ein „Aufruf zur Revolution der Wirtschaftswissenschaften“, wie der Untertitel lautet.

Die Conclusio von GWÖ-Regionalgruppensprecherin Sabine Lehner: „Wir – die Zivilgesellschaft, beruflich wie privat – müssen uns gesellschaftspolitisch stärker einbringen und von der Politik einfordern, dass ökologische und soziale Grundwerte gesichert und bestärkt werden! … der Markt / ´die Wirtschaft´ nimmt darauf nicht ausreichend Bedacht.“

Bericht: Hans Holzinger Fotos: Stefan Wally, H.H.

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