Rette sich, wer kann? | Nachlese zur ersten Corona-Lecture über die Flüchtlingskrise

Am 15. September 2020 fand in der JBZ in Kooperation mit dem Friedensbüro Salzburg und dem ifz die erste „Corona-Lecture“ statt, bei uns im Rahmen der Reihe „Projekte des Wandels“. Das Thema des Abends war die Flüchtlingskrise an den Rändern Europas, die ja lange aus der öffentlichen Aufmerksamkeit verschwunden war – bis zu dem verheerenden Brand im Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos am 8. September 2020. Zwei Fragen standen im Zentrum der Veranstaltung: Wie ist die aktuelle Situation in den Flüchtlingslagern? Wo liegen die Grenzen unserer Solidarität und warum verfallen wir so leicht in einen Krisennationalismus? Zu diesen Fragen sprachen der Friedens- und Konfliktforscher Werner Wintersteiner sowie Monika Gattinger und Kateřina Šrahůlková, beide von Ärzte ohne Grenzen (im Bild v.l.n.r). Hier ein Bericht sowie die Video-Links zu den Vorträgen von Werner Wintersteiner und Ärzte ohne Grenzen Vorträgen auf JBZ TV.

Werner Wintersteiner, der via ZOOM zugeschaltet war, legte eine Analyse zur aktuellen Flüchtlingspolitik in Österreich sowie der Europäischen Union vor, die eigentlich eine „Flüchtlingsabwehrpolitik“ sei. Zunächst erfuhren die ZuschauerInnen vor Ort und auf Zoom, dass Europa nur einen kleinen Teil der globalen Flüchtlingslast schultert. Von den 80 Millionen geflüchteten Menschen überschreitet nur eine Minderheit – nämlich 26 Millionen Menschen – die Grenzen des eigenen Staates. Und nur 15% dieser Geflüchteten machen sich in den reichen Westen und Norden auf, während sich die restliche Last auf die ärmsten Länder verteilt.

Doch warum funktioniert die Flüchtlingsabwehrpolitik so gut? Wintersteiner konstatierte eine politische Instrumentalisierung eines Kulturkampfes mit sozialem Hintergrund. Kulturelle Auseinandersetzungen um Themen wie Kopftuch, Sprache und Religion kollidieren mit der Angst um die eigene soziale Stellung. Die politische Diskussion spaltet sich dabei scheinbar in zwei Lager: Jenes der „Moralisten“, die ein gutes Leben für alle wollen („Wir schaffen das!“), und den „Realisten“, welche die „eigenen Leute“ schützen möchten und auf den „Hausverstand“ verweisen (O-Ton eines österreichischen Politikers: „Es wird hässliche Bilder geben!“). Die Zuschreibung „Moralisten“ stamme dabei von den „Realisten“, so Wintersteiner.

Was „Realisten“ ausblenden, sei die Mitschuld eines historisch gewachsenen Rassismus und der globalen Machtverhältnisse am Phänomen Flucht: Auch wenn es natürlich auch hausgemachte Ursachen gibt, trägt einstiges und aktuelles westliches Dominanzstreben zu den Fluchtursachen bei. Werner Wintersteiner plädierte für einen Perspektivenwechsel: Es brauche einen globalen Blick auf Flucht und Migration und deren Ursachen, eine offene Thematisierung von globalen Machtverhältnissen und ökonomischen Ungleichgewichten. Das Recht der Aufnahmeländer über die Aufnahme von Flüchtlingen gehöre in Frage gestellt, viel mehr solle man auf „Global Citizenship“ als neues Regulativ setzen.

Erschütternder Bericht von Moria durch „Ärzte ohne Grenzen“

Im Anschluss an den Vortrag von Werner Wintersteiner sprachen die beiden Psychologinnen Monika Gattinger und Kateřina Šrahůlková über ihren Einsatz in Moria für Ärzte ohne Grenzen. Beide waren für einen Zeitraum über 6 Monate im Flüchtlingslager und begleiteten in dieser Zeit vor allem Kinder. Für Gattinger war der Brand, der Moria in der Nacht von 8. auf 9. September heimsuchte, keine Überraschung: Das heillos überbelegte Lager, welches ursprünglich für 2.800 Personen konzipiert war und zu Hochzeiten 20.000 Insassen hatte, beschrieb sie als das entsetzlichste Lager, welches sie in ihrer langjährigen Einsatzgeschichte für Ärzte ohne Grenzen gesehen hatte. Moria sei zwar ein „offizielles Aufnahmezentrum“ der EU, in Wahrheit aber ein „Hochsicherheitsgefängnis“, in dem es an allem mangle – grundlegende sanitäre Einrichtungen, Bildungsmöglichkeiten für Kinder, anständige Verpflegung. Zudem sei die Sicherheitslage enorm schlecht, vor allem für Frauen und Kinder. Kinder weisen oft multiple Traumatisierungen auf, die sich in Depressionen, Aggressionen, Selbstverletzungen niederschlagen, berichtete Kateřina Šrahůlková, die von Prag zur Veranstaltung angereist war.

Dennoch beweisen auch unter diesen schlimmen Umständen immer wieder Menschen ihre Menschlichkeit, wie die beiden Psychologinnen betonten – ein Anlass zur Hoffnung. Der Abend endete mit einem Plädoyer für sofortige Nothilfe vor Ort und Aufnahme besonders schutzbedürftiger  Menschen auch durch Österreich.

Einführung zum Abend: Kristina Langeder (Friedensbüro), Birgit Bahtic-Kunrath (JBZ), Moderation: Helmut Gaisbauer (ifz), Online-Übertragung: Carmen Bayer
Bericht: Birgit Bahtic-Kunrath
Fotos: Andrea Niederfringer (ifz), Hans Holzinger (JBZ)

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