„Wir werden uns wieder mehr darüber unterhalten, wie wir unsere Welt gestalten, anstatt dies Menschen in Funktionen von Politiker*innen, Manager*innen und Chef*innen zu überlassen.“ | Bericht zur Zukunftsbuch-Veranstaltung „Zukunft für alle“

„Zukunft für alle. Eine Vision für 2048“ – so der Titel einer Publikation des Konzeptwerk Neue Ökonomie Leipzig, die wir in der 66. Ausgabe unserer Reihe Zukunftsbuch vorstellten. Kai Kuhnhenn und Kate Cabanova gaben in einer Zeitreise aus dem Jahr 2048 Einblicke in die in Zukunftswerkstätten entworfenen Vorschläge für ein anderes Wirtschaften und Zusammenleben. Eine passende Veranstaltung am 108. Geburtstags unsere Gründers Robert Jungk. Über 100 Interessierte waren der Veranstaltung gefolgt, darunter Studierende der FH Salzburg. Besten Dank an die beiden für den inspirierenden Abend und die zur Verfügung gestellten Folien sowie an Daniela Molzbichler von der FH für die Kooperation. Der Vortrag und das Gespräch sind auf JBZ TV zu finden. Die im oekom-Verlag erschienene Publikation ist hier auch als Open Source verfügbar. Anbei ein Bericht.

Das aktuelle Wirtschafts- und Gesellschaftssystem basiert auf Konkurrenz, Ausbeutung, ökologischer Zerstörung und defizitärer Demokratie. Wir wollten Alternativen dazu entwickeln, die Selbstorganisation, Kooperation und ökologische Verträglichkeit in den Mittelpunkt stellen, so die beiden Vertreter*innen der etwas anderen Denkfabrik, die sich den sozialen Bewegungen nahe sieht. In 12 Zukunftswerkstätten mit knapp 200 Teilnehmenden wurden Entwürfe für eine Organisation von Wirtschaft und Gesellschaft erstellt, die den Zugang aller zu den Grundbedürfnissen sowie die Beteiligung aller an der Gestaltung der Realisierung betont. Die Publikation umfasst 15 Bereiche von Globaler Gerechtigkeit und Demokratie über Produktion & Betriebe, Arbeit, Technik bis zu sozialen Themen wie Gesundheit, Wohnen, Bildung. Auch Ernährung, Bildung und Finanzen sind Thema. Dabei werden neben den Zukunftsbildern immer auch bereits bestehende Initiativen vorgestellt. Und in weiteren Kästen auch offene Fragen. Das Schlusskapitel enthält eine Zeitleiste bis ins Jahr 2048 mit schrittweisen Umsetzungen der festgelegten Ziele.

Auch wenn das Werk sehr konkrete Vorschläge enthält, betonten Kuhnhenn und Cabanova, dass das Projekt nicht als abgeschlossener und fertiger Plan gedacht war, sondern als Beitrag zur Diskussion über die notwendige Transformation. Notwendig seien Realutopien, die eine schrittweise Umgestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft ermöglichen. Dabei bezogen sich die beiden auf das Buch „Reale Utopien – Wege aus dem Kapitalismus“ von Erik O. Wright. Einzelne Reformen würden nicht reichen und Gefahr laufen, das alte System zu stabilisieren, notwendig sei eine grundlegende Änderung unserer Wirtschaftsweise und der demokratischen Entscheidungsstrukturen. Kai Kuhnhenn und Kate Cabanova dazu: „Wir werden uns wieder mehr darüber unterhalten, wie wir unsere Welt gestalten, anstatt dies Menschen in Funktionen von Politiker*innen, Manager*innen und Chef*innen zu überlassen.“ Vorgeschlagen werden – dies machte der Abend deutlich – durchaus anschlussfähige Ansätze, wie sie etwa auch in der Postwachstumsbewegung gemacht werden: deutliche kürzere Erwerbsarbeitszeiten („neue Vollzeit von 20 Wochenstunden“), eine Aufwertung der Sorgetätigkeiten, leistbares Wohnen und Lebensmittel guter Qualität für alle, die Neuordnung der Mobilität und Städte, eine Redimensionierung der Finanzinstitutionen. Daneben werden aber auch weiterreichende Veränderungen angedacht: beispielsweise nicht nur die Abschaffung des Kapitalismus, sondern auch die Zurückdrängung der Marktlogik und die Neuordnung der Eigentumsstrukturen – vorgeschlagen wird eine Art Dreiteilung in einen öffentlichen Sektor, einen Sektor von Gemeinwohlunternehmen sowie einen Bereich der „Beitragsökonomie“ jenseits von Geld und Tausch. Öffentliche Leistungen werden jedenfalls jenseits des Marktprinzips sichergestellt.

Mehrfach betonten die Mitglieder des Konzeptwerks Neue Ökonomie die kooperative Gestaltung der Lebensbedingungen etwa durch Nachbarschafts- und Unternehmensräte. Auf die Frage, ob dies nicht zeitintensiv und mit vielen Konflikten behaftet sei, meinten die beiden, dass bei verminderter Erwerbsarbeitszeit viel mehr Zeit für den Austausch untereinander bleibe. Kate Cabanova: „In einer Gesellschaft, die auf Kooperation statt Konkurrenz aufgebaut ist, entsteht sehr schnell Vertrauen. Ich muss dann gar nicht mehr selbst an jeder Ratssitzung teilnehmen, weil ich weiß, dass diejenigen, die dort sind, auch meine Bedürfnisse auf dem Schirm haben und sie nicht einfach übergehen werden.“ Zudem gehörten Konflikte zum Leben, das Aushandeln von gemeinschaftlichen Lösungen würde wichtige Lernprozesse anstoßen.

Technik wird in den Entwürfen nicht abgelehnt, sie müsse aber menschendienlich sein. Digitale Wohnungsbörsen sollen den Zugang zu Wohnungen regeln, allen zur Verfügung gestellte digitale Endgeräte die Koordinierung und Kommunikation erleichtern. Im Mittelpunkt müssten jedoch die sozialen Kontakte und Beziehungen stehen: durch die Aufwertung der Nachbarschaften, der Stadtteile sowie der ländlichen Räume. Auch Migration müsse in einer offenen Gesellschaft neu gedacht werden. Auf die Frage nach den Realisierungschancen ihrer Ideen sowie den hierfür notwendigen kollektiven Wertewandel antworteten die beiden mit dem Hinweis, dass auch das jetzige System nicht ohne Widersprüche sei. Es gehe darum, mehr Menschen für neue Wege zu gewinnen, dabei Konflikte mit alten Denkmustern nicht zu scheuen und auf Widerstände gefasst zu sein.

Der Abend sowie die vorgestellte Publikation sind eine Einladung, herkömmliche Wege der Befriedigung unserer Lebensbedürfnisse und der dafür notwendigen Organisationsstrukturen zu hinterfragen. Deutlich wurde auch, dass Veränderungen in allen Gesellschaftsbereichen nötig und möglich sind und dass es Alternativen zum nicht nachhaltigen Konsum- und Wachstumskapitalismus gibt. Was in vielen Nischen bereits heute an neuen Ansätzen erprobt wird, sei es in Solidarischen Landwirtschaftsinitiativen, in neuen Arbeitsmodellen oder in Schulen, die das Lernen mit dem Leben verbinden, könnte in Zukunft zur neuen Normalität werden – ohne Anspruch an einen fertigen Zukunftsplan, wie das anregende Gespräch mit den Gästen des Konzeptwerk Neue Ökonomie gezeigt hat.

Aus den vielen positiven Rückmeldungen von teilnehmnden soll hier stellvertretend diese wiedergegeben werden:

„Ich stelle mir oftmals die Frage „Warum gibt es so viel Ungleichheit und Ungerechtigkeit auf dieser Erde? Warum können wir nicht friedlich gemeinsam leben?“ Das Buch und der Vortrag haben mich in meiner Vorstellung der Zukunft bestätigt und weiter inspiriert. Vor allem finde ich den Gedanken, dass durch die Förderung der Gemeinschaft schon so viel in den Köpfen der Menschen und der Lebensqualität der Menschen verändert werden kann, dass das Streben nach „mehr“ (Konsumgüter, Geld, Macht) nicht mehr in dem Maße vorhanden ist, sehr schön.“

Mit Dank an alle Beteiligten sowie an Carmen Bayer für die Betreuung des Chats und die Erstellung des Videos.

Bericht: Hans Holzinger

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