Nachlese | Sabine Lehner und Kurt Egger über „Gemeinwohl-Ökonomie praktisch“

In der mittlerweile 66. Ausgabe unserer Reihe „JBZ-Zukunftsbuch“ stellten Sabine Lehner und Kurt Egger das Konzept der Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) sowie die Publikation „24 wahre Geschichten vom Tun und Lassen. Gemeinwohl-Ökonomie in der Praxis“ vor. Das Gespräch von Hans Holzinger mit den beiden Co-Autorinnen kann hier auf JBZ TV angesehen, eine Rezension des Buches hier eingesehen werden. Im Folgenden ein kurzer Bericht.

Sabine Lehner: GWÖ-Bilanz und der Prozess ihrer Erstellung als Reflexions- und Beratungstool
Sabine Lehner, Inhaberin des GWÖ-zertifizierten Unternehmens MARKENWerkstatt und GWÖ-Beraterin, stellte zunächst die Entstehung, Ausbreitung sowie den Ansatz der Gemeinwohlökonomie dar. Entstanden aus einem Prozess mit einigen österreichischen Unternehmen auf der Basis des Buches „Gemeinwohlökonomie“ von Christian Felber, breitete sich die GWÖ-Bewegung auf immer mehr Länder aus und umfasst aktuell an die 2000 Mitgliedsunternehmen sowie erste GWÖ-zertifizierte Gemeinden. Unzufrieden mit der alleinigen Fixierung auf den finanziellen Gewinn, so wichtig dieser ist, suchten Unternehmer und Unternehmerinnen nach einer ganzheitlichen Betrachtung ihres Betriebes, so Lehner. Mit der vier Wertesäulen und 20 Themen umfassenden GWÖ-Bilanz wird ein ganzheitliches Bild des Unternehmens erstellt. Berücksichtigt werden Menschenrechte, Solidarität & Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit sowie Transparenz & Mitbestimmung. Viele der im Buch porträtierten Unternehmen sind von ihren Angeboten her bereits dem Leitwert der Nachhaltigkeit verpflichtet, weil sie ökologische Produkte erstellen oder weil sie gemeinnützig tätig sind. Zugleich haben sich aber auch Unternehmen der Bewegung angeschlossen, die nicht per se der „Öko-Nische“ zuzurechnen sind. Neben Klein- und Mittelbetrieben gibt es mittlerweile auch Mitgliedsbetriebe mit mehreren Millionen Euro Jahresumsatz. Allen Unternehmen habe aber die GWÖ-Bilanz geholfen, das eigene Unternehmen besser und umfassender einschätzen zu lernen, so Lehner. Die GWÖ-Bilanz und der Prozess ihrer Erstellung ist aber nicht nur ein Reflexions- sondern auch ein Managementtool, zur strukturierten, nachhaltigen Weiterentwicklung des jeweiligen Unternehmens. Da Unternehmen vielfach gemeinsam mit anderen Betrieben den GWÖ-Prozess durchführen, werde auch voneinander gelernt. Im Buch porträtiert Sabine Lehner die Saalfeldener Buchbinderei Fuchs, die sich zum Ziel gesetzt, das alte Kunsthandwerk des Buchdrucks wiederzubeleben und zugleich mit modernen Technologien zu verbinden.

Kurt Egger: Auch Gemeinden können durch die Gemeinwohl-Bilanz lernen
Kurt Egger ist Bautechniker und mit seinem Unternehmen selbst GWÖ-zertifiziert. Er ist aber als Mitglied der Grünen Wirtschaft und Gemeinderatsmitglied in Seekirchen auch politisch aktiv. Als GWÖ-Berater unterstützt er Gemeinden, die eine Gemeinwohl-Bilanz erstellen wollen. Er hat gemeinsam mit einer Kollegin einen solchen Prozess in der bayrischen Gemeinde Kirchanschöring begleitet und zwei Jahre nach der Erstellung der GWÖ-Bilanz mit den damals Aktiven Interviews darüber geführt, was ihnen der GWÖ-Prozess gebracht hat (woraus ein Radiobeitrag gemeinsam mit der Salzburger Radiofabrik  und der Beitrag für das vorliegende Buch entstanden ist). Als eine wichtige Erkenntnis aus den Gesprächen nannte Egger, dass der Gemeinde durch den Prozess erfahrbar wurde, was Nachhaltigkeit konkret bedeutet und dass diese über ökologische Aspekte hinaus viele weitere Facetten umfasse. Als Beratende hätten sie gelernt, dass man abstrakte Begriffe mit Leben füllen und Fremdwörter anschaulich übersetzen müsse, um verstanden zu werden. So wurde das von Egger mitverfasste GWÖ-Handbuch im Laufe des Prozesses überarbeitet und zudem von dem Experten für leichte Sprache Georg Wimmer in einfache Sprache übersetzt. Es gebe zwar verschiedene Labels für Gemeinden wie „Familienfreundliche Gemeinde“, „Gesunde Gemeinde“, „Klimabündnisgemeinde“ oder „e5-Gemeinde“, die GWÖ-Bilanz umfasse jedoch alle Aspekte der Nachhaltigkeit bzw. Gemeinwohlorientierung, so Egger, sei daher ein ganzheitliches Bewertungstool.

Infos: Drei Wege, sich einer GWÖ-Bilanzierung zu unterziehen
Es gibt drei Wege, sich einer GWÖ-Bilanzierung zu unterziehen. Die Tools der GWÖ-Matrix stehen als Open Source zur Verfügung, berichtete Sabine Lehner. Jedes Unternehmen kann selbst einen Check durchführen und sich dem GWÖ-Audit stellen. Häufig gewählt wird aber der Weg, die GWÖ-Bilanz in einer Peergroup gemeinsam mit anderen Unternehmen zu erstellen und dabei voneinander zu lernen. Drittens kann ein Unternehmen bzw. eine Gemeinde einen GWÖ-Berater/eine GWÖ-Beraterin exklusiv für sich buchen. Wer Interesse an der Erstellung einer Gemeinwohl-Bilanz für sein Unternehmen oder seine Gemeinde hat bzw. wer in der GWÖ-Bewegung aktiv mitarbeiten möchte, kann sich gerne an die GWÖ-Regionalstelle Salzburg wenden.

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