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Was kommt danach? 26 | „Über Tiere“ von Elias Canetti mit Petra Nagenkögel

Petra Nagenkögel ist Schriftstellerin und leitet den Literaturverein „prolit“. Sie lebt in Wien. Zu ihren Publikationen zählen die Romane „Dahinter der Osten“ und – 2019 bei JUNG und JUNG erschienen – „DORT. Geografie der Unruhe.“ Eines ihrer politischen Anliegen sind Tierrechte.

Im Gespräch mit Hans Holzinger benennt sie das Reflektieren des Verhältnisses zwischen Tier und Mensch, die Verortung des Menschen in der Welt und das Hinterfragen des Anspruchs, die „Krone der Schöpfung“ zu sein, als wichtige Momente, um die aktuellen Krisen etwa der Umweltzerstörung oder der Pandemie verstehen zu können. Anregungen dazu holt sie sich bei Elias Canettis „Über Tiere“. Den Schlachthof sieht Nagenkögel als jenen Ort, der die kapitalistische Verwertungslogik in krasser Form zum Ausdruck bringt: Tiere werden als Ware behandelt, aus denen Profit geschlagen wird, und nicht als lebende Wesen und Mitgeschöpfe wahrgenommen. Zudem werden die Arbeiter in den Schlachthöfen ausgebeutet.

Das könnte man aus „Über Tiere“ von Elias Canetti lernen,
sagt Petra Nagenkögel:
In der Coronakrise sollten wir …
… zum Anlass nehmen, unsere Beziehung zu Natur, Tieren und Leben neu zu denken. Den Menschen als „Krone der Schöpfung“ zu sehen, hat sich überholt, nicht zuletzt durch die zerstörerische Kraft der sogenannten menschlichen Zivilisation, die sich letztlich auch gegen die Menschheit selbst richten wird. Es wird darum gehen, uns als Teil des Ganzen zu begreifen, eine empathische Beziehung zum „Anderen“ zu entwickeln und Formen des Wirtschaftens, die nicht auf Ausbeutung basieren. Schlachthöfe sind der Inbegriff kapitalistischer Verwertungslogik. Von Canetti können wir lernen, dass die Beziehung zu Tieren das Potential hat, uns „zu Menschen“ zu machen.

  Das ist wichtig, weil ….
… wir erstmalig in der Evolutionsgeschichte an dem Punkt sind, über das eigene Überleben zu entscheiden. Aber auch, weil die profitorientierte, kapitalistischer Wachstumslogik unterworfene Verdinglichung  und Vernutzung von Natur und Tieren einer sich als „human“ und „fortschrittlich“ bezeichnenden Gesellschaft zutiefst unwürdig ist. Entsprechende Veränderungen in unserem Konsumverhalten sind wichtig, aber wohl nicht ausreichend. Es braucht eine juristische Formulierung und politische Umsetzung von Tierrechten und Naturrrechten, analog den Menschenrechten.

Ob es dafür Chancen aufgrund der Pandemie gibt, ….
… ist im Moment kaum abzusehen, aber immerhin zu hoffen.

Angesprochen auf die Rolle von uns als Fleischkonsumenten und damit unsere Verstrickung in die industrialisierte Massentierhaltung, argumentiert Nagenkögel, dass es Aufgabe der Politik sei, Rahmenbedingungen zu schaffen, die dem Tierleid ein Ende setzen. Sie plädiert für die Verabschiedung von Tierrechten analog den Menschenrechten – und generell für die juristische Verankerung von Rechten der Natur. Vier Fünftel der weltweiten landwirtschaftlich genutzten Fläche dienen dem Anbau von Futtermitteln, 72 Billionen Tiere würden jährlich weltweit getötet für den Verzehr durch den Menschen. Uns sei der Begriff dafür verloren gegangen, der Begriff für Körper, für Leben, für das einzelne Wesen. Ein erster Schritt wäre daher, zumindest die Massentierhaltung und dieses Massenschlachten zu verbieten, konsequent wäre jedoch der Übergang zu einer veganen Ernährungsweise.

Bei Elias Canetti könne man, so Nagenkögel, sehr früh nachlesen, was dieses gestörte Verhältnis zwischen Mensch und Tier mit einer Gesellschaft mache. In seiner Autobiografie beschreibe Canetti einen Besuch in einem Schlachthaus als prägende Urszene seiner Kindheit, die ihn zeit seines Lebens nicht losgelassen habe. Eine Erfahrung, die Nagenkögel mit dem Autor teilt. Canetti habe die Beziehung zu Tieren als besondere Bereicherung gesehen, nicht im Sinne von Identifikation, sondern im Sinne der Andersheit, des nicht überbrückbaren Fremden an Tieren. Erst dadurch erfahre sich der Mensch in seinem Menschsein. Immer wieder thematisiert wird bei Canetti (und das seit den 40er Jahren) der Verlust an Vielfalt durch das Artensterben, wobei er diesen Verlust primär als einen für die Menschheit begreift. Als Menschen würden wir genau dieses Erleben von Vielfalt und Andersheit brauchen, um kreativ und lebendig sein zu können. Nachzulesen sind diese Texte in der 2002 von Brigitte Kronauer herausgegebenen Publikation „Über Tiere“, die Arbeiten des Philosophen und Schriftstellers zum Thema Tier und Mensch versammelt.

Das Video endet mit einem Appell, sich für Tierrechte einzusetzen – eine Möglichkeit in Österreich ist aktuell die Unterstützung eines Tierschutzvolksbegehrens.

Zur Videoreihe „Was kommt danach?“
In Zeiten der Krise leistet auch die JBZ ihren Beitrag. Wir wollen helfen, dass wir ins Gespräch kommen über die Zeit nach Corona. Was kommt danach? Zu diesem Zweck haben wir in unserem Gedächtnis aber auch in unseren Datenbanken gekramt. Seit vielen Jahren lesen wir Zukunftsbücher, fassen sie zusammen und machen so die Inhalte vielen Menschen zugänglich. Nun: Welche dieser Bücher enthielten wichtige Ideen, die wir jetzt hervorholen sollten? Dazu fragen wir Kolleginnen und Kollegen sowie Autoren und Autorinnen, die in der JBZ zu Gast waren. Alle Videos: https://www.youtube.com/playlist?list…

SCIENCE MEETS FICTION 2020

2020 setzt das Festival SCIENCE MEETS FICTION wieder in zahlreichen Veranstaltungen fiktionale Zukunftsentwürfe und wissenschaftliche Erkenntnisse in Beziehung zueinander. Vom 28. September bis 10. Oktober sind Sie eingeladen, mit uns nach dem Wechselspiel zwischen technologischen Entwicklungen, gesellschaftlichen Transformationsprozessen und deren Verarbeitung in künstlerischen Beiträgen zu fragen. Wo übertrifft die Gegenwart bei genauem Hinsehen die Zukunftsvisionen der Vergangenheit? Was sind aus heutiger Perspektive wahrscheinliche, was wären wünschenswerte Entwicklungen? Was wird auf absehbare Zeit Fiktion bleiben? Um diesen Fragen nachzugehen, gibt es Kinofilme, Ausstellungen sowie gesellschaftskritische und technologiebezogene Vorträge. „Are you real?“ lautet das diesjährige Motto.

Seit 2018 wird das Festival jede Jahr im Herbst im Auftrag der Wissensstadt Salzburg und durch die Unterstützung zahlreicher Institutionen durchgeführt. Auch dabei – und zugleich für Konzeption und Organisation verantwortlich – sind die Forschungsgruppe Innovation und Gesellschaft der FH Salzburg und die Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen.

Unter www.sciencemeetsfiction.org gibt es mehr Infos und alle Programminhalte.

MethodenAkademie Herbstprogramm 2020 | Fünf spannende neue Workshops

Das Herbstprogramm 2020 der MethodenAkademie, einem Gemeinschaftprojekt von Salzburger Bildungwerk, Robert-Jungk-Bibliothek, Referat für Bibliotheken des Landes, Agenda 21 und Bürgerbeteiligung des Landes, Dachverband Salzburger Kulturstätten und Landesverband Salzburger Museen und Sammlungen, ist erschienen. Es bietet fünf spannende Workshops:

18 09 20 | Idee – Konzept – Einreichung. Ein Crash-Kurs für gute Anträge im Kulturbereich

09 10 20 | Storytelling … damit dein Funke überspringt!

20 11 20 | Jugendrat: mitreden, mitbestimmen, mitgestalten. Mit der Jugend Lösungen finden

11 12 20 |Social Media Marketing. Tipps & Tricks für Einsteiger (Online)

15 01 21 Meine Stimme im Mittelpunkt. Wie sich die Stimme klangvoll entfaltet und wie sie wirkt.

Anmeldung bei Mag. Wolfgang Hitsch (SBW) oder Mag. Hans Holzinger (JBZ)

Call | Zukunftsideen für Klimaschutz & soziale Innovation

Call für die TAGE DER ZUKUNFT SALZBURG 2020. Du hast eine zukunftsweisende Projektidee in den Themenbereichen Klimaschutz und soziale Innovation? Die TAGE DER ZUKUNFT SALZBURG bringen Deine Projektidee auf die Bühne und unterstützen Dich mit Coaching auf dem Weg zur Umsetzung. Bewerbungsfrist: 31. Juli 2020

Die Tage der Zukunft finden am Freitag 25. & Samstag 26. September 2020 im Kulturzentrum Schloss Goldegg statt.

Nähere Informationen und Anmeldung | pdf zum Download:
Bei Rückfragen: office@zukunftslabor-salzburg.at bzw. mobil: +43 664 18 250 18

ZB 60 | Zukunft.Bildung. Im Kontext von Fluidität und Diversität. Kooperation mit der PH Salzburg. 15.10.

„Fluidität“ bezeichnet einen Zustand des ständigen „Im Fluss-Seins“, des „Nicht-Fixieren-Könnens“. Mit „fluider Bildung“ wird ein Prozess angesprochen, der auf permanente Veränderung verweist. Bildungsinhalte sind in diesem Sinne nicht kumulierbar. Wenn Bildung aber „fluide“ gedacht wird, lässt sich diese nicht als festes Kapital im Prozess stetigen Wachstums nutzen, so die Ausgangsthese eines Bandes „Fluidität bildet“ der Pädagogischen Hochschule Salzburg. Gefragt wird, ob sich daraus möglicherweise die Chance auf eine Entkapitalisierung von Bildung und ein Ausgang von der Verwertungs- und Wachstumslogik ergibt.

„Diversität“ bedeutet Vielfalt bzw. Vielfältigkeit. Sie kann durchaus mit Fluidität in Verbindung gebracht werden. Vielfalt erzeugt Fluidität und umgekehrt. Der zweite in dieser Veranstaltung der Reihe JBZ-Zukunftsbuch vorgestellte Band „Diversitätssensible PädagogInnenbildung in Forschung und Praxis: Utopien, Ansprüche und Herausforderungen“ stellt Erfahrungen von und das Nachdenken über inklusive Hochschulen in Beiträgen aus verschiedenen Wissenschaftsbereichen und methodologischen Traditionen vor.

Wir sprechen mit den Herausgebern beider Bände über die Begriffe der Fluidität und Diversität und was diese für eine „Bildung für morgen“ bedeuten können. Im Vortrag werden ausgewählte Beiträge der Sammelbände vorgestellt.

Do., 15. Oktober 2020, 19.00 Uhr. Vortrag und Buchpräsentation mit Prof. Dr. Manfred Oberlechner und Prof. Dr. Robert Schneider-Reisinger. Moderation: Mag. Hans Holzinger (JBZ). Die Veranstaltung findet ausschließlich online statt. Den Link zur ZOOM-Veranstaltung gibt es nach der Anmeldung.

Prof. Dr. Manfred Oberlechner: Hochschulprofessor für Soziologie (Schwerpunkt: Interkulturelles Lernen und Migrationspädagogik) an der an der Pädagogischen Hochschule Stefan Zweig, Salzburg.

Prof. Dr. Robert Schneider-Reisinger: Hochschulprofessor für Erziehungswissenschaft und Inklusion an der Pädagogischen Hochschule Stefan Zweig, Salzburg; B.IS – Beauftragter für inklusives Studieren; Privatdozent an der Universität Passau.

Birgit Bahtic-Kunrath: „Klimavolksbegehren setzt ein kräftiges Zeichen. Nun ist das Parlament am Zug“

380.590 Österreicher und Österreicherinnen haben das Klimavolksbegehren unterschrieben. Nun müssen die Forderungen, etwa die Abschaffung aller Subventionen für fossile Energieträger oder die Umsetzung einer öko-sozialen Steuerreform, im Parlament behandelt werden. JBZ-Mitarbeiterin Birgit Bahtic-Kunrath war in ihrer Freizeit in der Salzburger Regionalgruppe (im Bild mit Nina Köberl und Julia Dressel) höchst aktiv. Ihre Einschätzung: „Das Klimavolksbegehren setzte ein kräftiges Zeichen. Nun ist das Parlament am Zug.“ Zudem unterstützte die JBZ das Anliegen mit publizistischen Beiträgen, etwa einem Gastkommentar in „Die Presse“.

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