Dr. Wolfgang Petritsch fordert Waffenlieferstopp für Nahen Osten

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Dr. Wolfgang Petritsch im Gespräch mit JBZ-Mitarbeiter Hans Holzinger

Am 21. September 2016 war Dr. Wolfgang Petritsch, ehemaliger österreichischer Botschafter bei der UNO und OSZE und Hoher Repräsentant in Bosnien und Herzegowina in der Reihe Zukunftsbuch zu Gast in der Robert-Jungk-Bibliothek. Die Veranstaltung, welche in Kooperation mit dem Friedensbüro Salzburg anlässlich des Weltfriedenstages abgehalten wurde, widmete sich der Frage nach einem Frieden für den Nahen Osten. Vor vollem Haus führte uns Dr. Petritsch in den historischen Kontext der zahlreichen Konfliktherde im Nahen Osten ein und erläuterte sehr eindringlich die Konsequenzen dieser Konflikte – in erster Linie die Zerstörung ganzer Gesellschaften und permanente Traumatisierung der Menschen vor Ort. Aber auch die gewaltigen Herausforderungen für Europa seien zu bedenken, welches stärker als die Großmächte USA und Russland von den Konflikten betroffen ist.

Der Befund des Diplomaten: Der Nahe Osten kämpft nicht nur mit dem postkolonialen Erbe willkürlicher Grenzziehungen, sondern auch mit säkularen und theokratischen Autokratien sowie einer sozialen Krise, die den letztlich erfolglosen Arabischen Frühling ausgelöst hat. Die geostrategischen Interessen der Großmächte tun ihr Übriges, um die Region permanent zu destabilisieren.

Viel Grund für Optimismus gibt es laut Wolfgang Petritsch nicht: Mit dem Verweis, dass lang dauernde Konflikte an Komplexität gewönnen und immer schwieriger zu lösen seien, wurden keine einfachen Lösungen präsentiert, jedoch eine Reihe von kleinen Schritten, welche die Situation vor Ort zumindest verbessern könnten. Darunter fallen ein Verbot von Waffenexporten in die Region, eine gezielte Ausbildung von Flüchtlingen in den Aufnahmestaaten, die den Wiederaufbau ihrer Heimat – vor allem Syrien – unterstützt, sowie wirtschaftliche Perspektiven, um die Konfliktpotenziale zu entschärfen. Für Syrien wünscht sich Petritsch einen Marshallplan zum Wiederaufbau. Politisch wäre eine Föderalisierung früherer Zentralstaaten wie Irak und Syrien sowie eine Autonomie-Regelung für Kurden in den von ihnen bewohnten Staaten ein erster Schritt zur Stabilisierung der Region.

Der Abend wurde mit einer lebhaften Diskussion zu Dr. Wolfgang Petritschs Thesen sowie einer Benefizaktion beschlossen. Anstelle eines Eintritts zur Veranstaltung wurden Spenden für das Projekt Hiketides gesammelt, das traumatisierten Flüchtlingen Therapie ermöglicht. Petritsch spendete sein Honorar einer Flüchtlingsinitiative seines Kärntner Heimatortes.

Birgit Bahtic-Kunrath

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