„Die Energiewende muss alle gesellschaftlichen Gruppen einbinden“ | Hans-Joachim Ziesing in der 99. Montagrunde

„Wenn wir Klimaschutz haben wollen, brauchen wir die Energiewende, und für die Energiewende brauchen wir alle gesellschaftlichen Gruppen.“ Damit brachte Hans-Joachim Ziesing, Mitglied der deutschen Monitoring-Kommission zur Energiewende, in seinem gestrigen Vortrag im Rahmen der 99. JBZ-Montagsrunde seine Kernaussage auf den Punkt. Deutschland stehe dabei vor einer doppelten Herausforderung: dem Ausstieg aus der Atomenergie und jenem aus den fossilen Energieträgern. Da der gesellschaftliche Konsens über den Atomausstieg noch größer sei als jener zum Klimaschutz, brauche es für letztere große Überzeugungsarbeit, so Ziesing. Denn das Plansoll erfordert viel: „Um das 2-Gradziel zu erreichen, muss Deutschland seine Treibhausgas-Emissionen bis 2050 um 80-85 Prozent reduzieren, was einer Dekarbonisierung des Wirtschaftens gleichkommt.“

Als zentrale Baustellen der Energiewende nannte Ziesing den kompletten Umbau der Transport- und Verteilernetzte, die Umsetzung eines klimaneutralen Gebäudebestandes sowie die Neuordnung der Mobilität. Notwendig sei die Umstellung der Stromerzeugung zur Gänze auf erneuerbare Energien, was auch den Ausstieg aus der Kohle bedeute, sowie jene der fossilen Energieketten auf erneuerbaren Strom mittels E-Mobilität, E-Heizungen und Transformation der Industrieprozesse. Moderne Kraft-Wärme-Koppelungsanlagen würden Synergie-Effekte nutzen, gut ausgebaute Stromnetze kostengünstige Flexibilität ermöglichen. Ziesing ging davon aus, dass die nationale Stromversorgungssicherheit in Zukunft am besten über einen europäischen Strombinnenmarkt gewährleistet werden könne.

Der Markt wird es nicht richten – Politik muss Rahmen setzen

Da eine „marktendogene“ Umsteuerung nicht zu erwarten sei, müsse die Politik die geeigneten Rahmenbedingungen setzen, so der Experte. Den großzügigen Investitionen in Erneuerbare Energieanlagen der letzten Jahre müssten nun jene in die Netze sowie in die Sanierung des Gebäudebestandes folgen. Als Barriere der Umsteuerung nannte Ziesing den zu niedrigen Ölpreis, der derzeit keine Anreize für Effizienzmaßnahmen schaffe. „Am wirksamsten wäre eine CO2-Steuer, da hiermit die Kosten des Klimawandels in die Marktpreise integriert würden, doch neue Steuern sind derzeit schwer durchsetzbar“, kritisierte der Energieökonom die politische Stimmung in seinem Land. Und auch die Preise am europäischen CO2-Zertifikate-Markt seien viel zu niedrig.

Laut Monitoringbericht 2016 der deutschen Bundesregierung zur Energiewende liegt das Land mittlerweile mit 30 Prozent Anteil an erneuerbaren Strom gut im Trend (für 2050 ist der Vollumstieg geplant), Nachholbedarf gäbe es jedoch im Bereich Energieeffizienz: „Da die Energieproduktivität von 2008 bis 2016 nur um 1,9 Prozent gestiegen ist, muss diese von 2016 bis 2020 auf 3,7 Prozent gesteigert werden, um im Plan zu bleiben.“ Vom Ziel weit entfernt ist Deutschland im Bereich Verkehr, wo in den letzten Jahren „teilweise ein kräftiger Anstieg des Energieverbrauchs zu verzeichnen war und dieser noch immer überwiegend fossil gedeckt wird.“ Das Hauptproblem ortete Ziesing im Umstand, dass die Autos zwar effizienter würden, aber immer mehr PS aufweisen.

Lassen sich die Ziele erreichen – Zukunkftsperspektiven

Ziesing bezeichnete sich selbst als Optimisten. Er geht davon aus, dass die Energiewende in Deutschland gelingen und zugleich neue Wettbewerbsvorteile bringen wird. Dezentralisierung, Digitalisierung und Demokratisierung würden dabei eine zentrale Rolle spielen. In Bezug auf E-Mobilität setzte Ziesing insbesondere auf den Druck des chinesischen Marktes, der auch die deutsche Autoindustrie zum Umdenken zwinge. Dass die Energiewende zu großen Teuerungen führen wird, glaubt der Ökonom nicht: „Der Anteil der Stromerlöse am BIP beträgt heute in Deutschland wie in den 1990er-Jahren an die 2,5 Prozent, ist also trotz des Erneuerbare-Energiegesetzes nicht gestiegen.“ Ein Problem ortete Ziesing freilich in den Strombörsen, die Energie zu billig anbieten und damit die Produzenten unter Druck setzen würden.

„Klimapolitik ist insbesondere Wirtschafts- und Strukturpolitik. Die entscheidende Frage wird sein, ob die Politik die Kraft zur Umsetzung hat“, so das Resümee des Experten in seinem Vortrag, dem eine angeregte Diskussion mit dem zahlreich erschienenen Publikum folgte.

Die Veranstaltung fand im Rahmen der Klima-Partnerschaft „Salzburg 2050“ mit dem Land Salzburg statt.

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