„Zukunft der Sicherheit“ | Montagsrunde mit Lars Gerhold von der FU Berlin

Zum Interview auf JBZ TV von FS1

Wir leben in einer ziemlich sicheren Gesellschaft – so könnte man den Vortrag von Lars Gerhold in der Montagsrunde am 29. April 2019 in der Robert-Jungk-Bibliothek zusammenfassen. Die „objektive Sicherheit“ sei in den reichen Ländern durchwegs gestiegen, wie Kriminalitätsstatistiken zeigen, das subjektive Sicherheitsgefühl unterscheide sich davon jedoch. Der Experte der FU Berlin unterschied Risiken, die wir bewusst eingehen, vom Gefühl der Unsicherheit, das entsteht, wenn wir selbst auf die Situation keinen Einfluss nehmen können. Als Autolenker fühle ich mich selbstwirksam, gegenüber einem möglichen Terroranschlag nicht.

Die Politik müsse jedoch auch gefühlte Ängste ernst nehmen, da diese ebenso die Lebensqualität von Menschen beeinträchtigen, so Gerhold. Zudem werde von der Politik Handlungskompetenz erwartet. Ereignisse wie Anschläge oder Morde hätten immer einen Aufmerksamkeitspeak, der nach einer Zeit wieder abflache. Die sozial-mediale Verstärkung spiele hier eine wichtige Rolle. Die Politik nutze solche Zeitfenster häufig, um gewünschte Veränderungen durchzusetzen – dies können verschärfte Kontroll- und Überwachungsmaßnahmen sein, aber auch Weichenstellungen wie der deutsche Ausstieg aus der Atomenergie im Gefolge der Atomkatastrophe von Fukushima.

Hundertprozentige Sicherheit sei unmöglich und es sei Aufgabe der Gesellschaft darüber zu entscheiden, wie viel Freiheit man für Sicherheit aufgeben wolle, so Gerhold. Es gehe um eine „reflexive Sicherheitsarchitektur“. Die Bedrohung durch Kriminalität oder Anschläge werde meist überbewertet, systemische Risiken etwa durch Cyberattacken oder Stromausfälle dafür eher unterschätzt. In Zukunft würden Technologien wie die Gesichtserkennung oder die Wahrscheinlichkeitsberechnung von Negativereignissen über Algorithmen an Bedeutung gewinnen – mit den Risiken von Fehlaussagen. Als wichtige Maßnahme für mehr Sicherheit nannte der Experte soziale Kohäsion, funktionierende Nachbarschaften und Stadtteile sowie die Stärkung von Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit. Aspekte, die durch keine noch so spezialisierte oder teure Technologie herzustellen sind.

Lars Gerhold ist Universitätsprofessor und Leiter des Forschungsforum Öffentliche Sicherheit der Freien Universität Berlin, das Politikberatung betreibt und frei verfügbare Publikationen und Factsheets zum Thema „Öffentliche Sicherheit“ erstellt. Mehr: http://www.sicherheit-forschung.de 

Bericht: Hans Holzinger, JBZ

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