Resonanz als Strategie gegen den Wachstumszwang | Fritz Reheis in der 142. Montagsrunde

„Seit ich auf der Welt bin, hat sich die Weltbevölkerung verdreifacht, der CO2-Ausstoß verfünffacht und unser Konsum verzehnfacht. Das kann nicht auf die Dauer gut gehen.“ So der Bamberger Erziehungswissenschaftler und Nachhaltigkeitsexperte Fritz Reheis, Jahrgang 1949, in der 142. Montagsrunde am 17. Februar 2019 in der JBZ. Das Problem sei freilich weniger die Zahl der Menschen, sondern die Ansprüche, die jene im wohlhabenden Teil der Welt stellen.

Reheis hat sich früh mit Beschleunigung und ihrem Gegenpart, der Langsamkeit beschäftigt. 1996 ist sein Erfolgsbuch „Die Kreativität der Langsamkeit“ erschienen. Doch heute reiche dies nicht mehr. Vieles müsse schneller gehen, etwa die Bekämpfung des Hungers, die Abrüstung der Waffenarsenale, die Energie- und Konsumwende. Und anderes müsse ganz aufhören, etwa die Verbrennung fossiler Energie. Dem Thema Zeit bleibt der Autor aber treu. In seinem neuen Buch „Die Resonanzstrategie. Warum wir Nachhaltigkeit neu denken müssen“ (oekom) plädiert Reheis für einen zeitbewussten Lebensstil, eine zeitbewusste Politik und eine zeitbewusste Ökonomie.

Geld als Tauschmittel sei sinnvoll, doch der Wachstumszwang durch Geldakkumulation führe in die Sackgasse: Die Formel der letzten zweihundert Jahre „Zeit ist Geld“ sei am Ende. Sie müsse ersetzt werden durch „Zeit ist Leben“, so Reheis. Mit der Welt in Resonanz zu treten, erfordere Achtsamkeit und die Synchronisation von unterschiedlichen Zeitmaßen. Resonanz mit der Natur bedeute Regenerativität, also einen Umgang, der die Selbsterhaltungsfähigkeit der Ökosysteme gewährleistet: im Umgang mit den Böden durch biologische Bewirtschaftung, in der Renaturierung von Flüssen, um uns vor Hochwässern zu schützen, durch Nutzung erneuerbarer Energie.

Resonanz in menschlichen Beziehungen, im Umgang mit einander, basiert für Reheis auf Reziprozität, Wechselseitigkeit, Aufeinander-Bezogensein. „Ohne Beziehung können wir nicht überleben, ohne sozialen Kontakt verwahrlost der Mensch“, so Reheis. Dazu komme die „Resonanz mit sich selbst“ als Reflexivität, als Willensfreiheit des Menschen und als Fähigkeit zu „klugem Genießen“, als „Glück der Dauer“, das nichts mit schnellem Konsum zu tun habe. Das erfordere wiederum Zeit: „Denn wer nur getrieben ist, kann keinen freien Willen entwickeln“.

Reheis plädiert für ein wieder zu gewinnendes Zeitbewusstsein. Sein „Instrumentenkasten“ hierfür umfasst nicht nur einen bewussten Lebensstil, sondern auch gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die ein zeitbewusstes Leben ermöglichen: ein Wohnumfeld, das zum Bleiben einlädt, Arbeitszeiten, die eine Balance aller Lebensbereiche ermöglichen, „vielleicht auch ein Bedingungsloses Grundeinkommen, um aus dem Wachstumszwang aussteigen zu können“.

Die Resonanzstrategie könne, so das Resümee von Reheis, anders als Verzichtsappelle eine breite Akzeptanz gewinnen, weil wir als Menschen „zutiefst auf Resonanz angewiesen sind“. Sie sei konservativ und revolutionär zugleich, da sie auf Werte wie die Bewahrung natürlicher Kreisläufe setze, jedoch eine radikale Abkehr vom Wachstumszwang der Wirtschaft fordert. Der Mensch könne die Naturschranke hinausschieben, aber er dürfe sich nicht über sie hinwegsetzen. Alle Eingriffe müssten so erfolgen, dass diese bei Krisen rückgängig gemacht werden können, formulierte Reheis als Nachhaltigkeitsprinzip. Zudem müsse die Politik wieder das Primat über die Wirtschaft erlangen, denn nur so könne diese zeitbewusste Rahmenbedingungen gestalten. Dieser Teil der Resonanzstrategie ist wohl der entscheidende, wenn auch der am schwersten Umzusetzende. Dass das Thema auf Resonanz stößt, zeigt jedenfalls das große Interesse am Vortrag. Die JBZ war wieder einmal ausgebucht!

Erziehungswissenschaftler Fritz Reheis über die Resonanzstrategie
mit Moderator Stefan Wally in der voll besetzten Robert-Jungk-Bibliothek.

Bericht und Fotos: Hans Holzinger

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.