Die Versuchung ist groß, nach der Eindämmung des Virus die Wirtschaft einfach wieder hoch zu fahren, wie bei einem Computer einfach die „Reset“-Taste zu drücken. Doch die Probleme, die bereits vor der Coronakrise bestanden, insbesondere der ökologische Raubbau, sind durch das Virus nicht verschwunden. Wir brauchen Neuansätze des Wirtschaftens und Konsumierens. Um im Bild zu bleiben – wir brauchen neue Betriebssysteme und Softwaren. Anregungen dazu bietet ein Buch mit dem Titel „All you need is less“ – in bewusster Anspielung auf den Slogan der 1968-Jahre-Bewegung und den Beatles-Song „All you need is love“. JBZ-Mitarbeiter Hans Holzinger findet das Buch durchaus anregend.

Nach seiner breit rezipierten Streitschrift „Befreiung vom Überfluss“ und dem differenzierten Streitgespräch mit dem mittlerweile verstorbenen SPD-Vordenker Erhard Eppler „Was Sie da vorhaben, wäre ja eine Revolution…“ hat Niko Paech nun ein Buch mit einem weiteren Kollegen verfasst, und zwar mit dem Buddhismus-Experten Manfred Folkers. „All you need ist less“ spürt, wie der Untertitel des Bandes zeigt, einer „Kultur des Genug aus ökonomischer und buddhistischer Sicht“ nach. In zwei getrennten Teilen legen Folkers und Paech jeweils ihre Sichtweisen dar. Zwei Interviews am Anfang und Ende des Buches geben den beiden die Möglichkeit zum direkten Dialog.

Postwachstumsökonomie und Suffizenz

Das Verbindende der Autoren ist die Überzeugung, dass es so nicht weitergehen kann und der Weg in eine Postwachstumsökonomie zu beschreiten sei. Folkers argumentiert mit menschlichen Haltungen und Einstellungen, die hinter den Problemen wie Klimawandel, Artensterben oder dem Auseinanderklaffen von Arm und Reich liegen. Gier und der Drang nach immer mehr, Konkurrenz und das Einander-Ausspielen sowie schließlich die Verleugnung der Folgen unseres Tuns nennt er als zentrale Ursachen. Diese zu überwinden und zu ersetzen durch die Werte der Kooperation, Achtsamkeit und Wachsamkeit sei der Anfang zur Umkehr.

Solange wir den Fokus allein auf die zerstörerischen Folgen unseres Wirtschafts- und Lebensstils richten oder abstrakt auf ein zerstörerisches System, und nicht auf die Ursachen, würden wir keine Veränderung erreichen, so Folkers:

„Wer sich dieses System als ´Kapitalismus´ vorstellt und definiert, reduziert die Beteiligten zu Objekten eines nach mathematischen Regeln funktionierenden Kreislaufs aus Waren und Werten.“ (S. 58)

Ein Ausweg sei nur in Sicht, „wenn sich viele einzelne Menschen entschließen, ihr Alltagsverhalten zu überprüfen, es neu auszurichten und entsprechend zu verwirklichen“ (S. 86). Jeder und jede sei wichtig: „Weil jeder einzelne Mensch ein Teil der Probleme ist, ist er auch Teil der Lösungen“ (S. 88). Folkers fordert zwar von den Wirtschaftswissenschaften die Entwicklung einer Ökonomie, die sich an den Antriebskräften „Verantwortung, Solidarität und Streben nach Glück“ ausrichtet (was der Ansatz der Gemeinwohlökonomie bereits tut, Anm. HH), im Zentrum müsse jedoch die Veränderung durch Menschen, wenn auch im gemeinsamen Handeln, stehen:

„Das System des globalen Kommerzes ist mittlerweile derart instabil, dass es nur noch mit weit geöffneten Geldschleusen zu funktionieren scheint.“ (Folkers, S. 100)

„Alternative Wirtschaftsmodelle und deren Begründungen enthalten zwar jede Menge Vorschläge für mögliche Auswege – entscheidend bleibt aber deren reale Umsetzung durch viele Einzelne beziehungsweise letztlich alle Menschen. Der Auftrag lautet dabei für alle gleich: üben, üben, üben.“ (Folkers, S. 97)

Abkehr vom „Ökovandalismus“Aufstand der sich Verweigernden

Da setzt auch Niko Paech an. Er hält alle bisherigen Bemühungen für nachhaltige Entwicklung für gescheitert, die weiter steigenden Verbrauchszahlen wie die sich dramatisch verschlechternden Umweltindikatoren würden dies eindeutig belegen. Mehr Effizienz und Konsistenz können ihren Beitrag leisten, aber würden niemals reichen unseren „Ökovandalismus“ zu überwinden, so der Postwachstumsökonom. Vielmehr böten die Versprechungen auf Green Growth einen Freibrief dafür, unseren Konsumstil und das Wachstumsdenken nicht hinterfragen zu müssen. Das „Weltrettungsbemühen“ stelle sich immer mehr als „Fanal an symbolischen Ersatzhandlungen“ (S. 121) heraus: „Immer stand es unter der Bedingung, keine der sich seit Jahrzehnten steigernden Konsum- und Mobilitätsfreiheiten, die unreflektiert zum Maßstab des Normalen erhoben wurden, aufgeben zu müssen.“ (S. 121)

Paech beschreibt einmal mehr die Fallen unseres Konsumstrebens, etwa das zeitökonomische Dilemma, dass wir uns den vielen Gütern gar nicht mehr genügend widmen können. Und er legt dar, dass wir uns einen Wohlstand aneignen, der uns im Kontext eines universellen Freiheitsbegriffs gar nicht zusteht. Besonders spannend sind jedoch – da schließt er an Folkers an – seine Überlegungen, wie es zum Wandel komme. Suffizienz könne nur aus subkulturellen Praktiken hervorgehen und von Individuen oder Netzen verbreitet werden, „die bereit sind, individuelle Verantwortung zu übernehmen, statt auf einen politischen Godot zu warten“ (S. 123), so Paech.

„Allein die Frage, mit welchem Recht jemand eine Kreuzfahrt antritt, einen SUV nutzt, an Weihnachten in die Anden fliegt oder ständig Coffee-to-go-Becher kauft, wirkt wie aus der Zeit gefallen.“ (Paech, S. 198)

Bewegungen wie Fridays for Future oder Extinction Rebellion würden Gefahr laufen, wirkungslos zu bleiben, „denn an Betroffenheitsbekundungen bestand nie Mangel – im Gegenteil: Sie sind längst zu einer Ersatzhandlung gediehen und stabilisieren damit den Status Quo“ (ebd.) Was hingegen fehle, sei der „Aufstand der konkret Handelnden und sich Verweigernden, die mit offen praktizierter Selbstbegrenzung die Gesellschaft herausfordern“ (ebd.) Das suffiziente Anderssein lasse sich durchaus humorvoll und einladend vorleben. Das reiche aber nicht mehr, so Paech weiter:

„Die konsequente Delegitimierung selbstzerstörerischer Mehrheitstendenzen durch fantasiereiche Aktionen der Verweigerung oder direkte Konfrontation wird zukünftig zum Repertoire von Suffizienzpionieren gehören müssen“ (S. 203).

Theorie der sozialen Diffusion

Paech geht davon aus, dass die Politik nur Veränderungen umsetze, wenn dafür die Basis und Bereitschaft in der Bevölkerung gegeben sei, dafür bedürfe es eines „hinreichenden Grades an vorheriger Selbsttransformation“ (S. 206). Für den Veränderungsprozess beruft sich Paech auf die Theorie „sozialer Diffusionsprozesse“. Demnach ebnen Pioniere den Weg für die Kohorte mit der nächsthöheren Übernahmeschwelle, den „early adopters“. Erst danach könne diese soziale Dynamik im besten Fall zur „kritischen Masse“ und zum Selbstläufer werden. Eine besondere Rolle dabei spielen „opion leaders“ (S. 207ff.).

Dem Argument, dass diese Begrenzung nicht mit unsrem Anspruch an Freiheit zu vereinbaren sei, entgegnet Paech mit einem erweiterten Freiheitsbegriff, der sich auf Überlebensfähigkeit bezieht: „Wer die Freiheit bewahren will, darf sie nicht missbrauchen oder überstrapazieren, sondern muss sie vorsorglich und freiwillig begrenzen“ (S. 214). Im Sinne einer Selbstermächtigung müsse „die Missbilligung lebensfeindlicher Handlungen und Prozesse angemessen zum Ausdruck“ gebracht und für diese „maximaler sozialer Rechtfertigungsdruck“ aufgebaut werden. Und die dabei angelegten ökologischen Maßstäbe seien durch eine „entsprechende Lebensführung auf sich selbst praktisch anzuwenden“ (S. 215).

„Bevor hedonistisch geprägte Mehrheiten auch nur daran denken können, sich einer materiellen Entziehungskur zu unterwerfen, müssen Praktiken der Genügsamkeit und Sesshaftigkeit erst Teil des als normal angesehenen Handlungsrepertoires geworden sein.“ (Paech, S. 206f.)

„Ein friedlicher und fröhlicher Aufstand der sich Verweigernden – besser noch: ein maßvoller Wohlstands- und Technologieboykott – verbleibt als letzter Ausweg. Die Zeit der Ausreden ist vorbei.“ (Paech. S. 215)

Das Buch bietet eine wertvolle Anregung zum Diskurs über die Bedingungen einer gelingenden Transformation. Schlüssig wird auf die Gefahr der Entlastungsfunktion von „nachhaltigem Konsum“ verwiesen – Paech zieht hier Parallelen zum Ablasshandel des Mittelalters. Nachvollziehbar ist auch, dass der Ressourcenverbrauch und die Umweltemissionen am wirksamsten durch die Haltung der Suffizienz reduziert werden. Zu bedenken bleibt aber, ob es nicht doch auch den Protest gegen eine nichtnachhaltige Politik und nichtnachhaltige Unternehmenspraktiken braucht – und ob nicht gerade jene, die diesen Widerstand leisten, häufig auch die Pionier*innen eines einfachen Lebensstils sind; hier also durchaus Wechselwirkungen vorliegen.

Folkers, Manfred; Paech, Niko: All you need ist less. Eine Kultur des Genug aus ökonomischer und buddhistischer Sicht. München: oekom, 2020. 254 S.