Nachlese | „Über die Macht von Sprache und Begriffen“ | Heinrich Breidenbach im Gespräch über sein Buch „Achtung! Wortkeulen“

In der Reihe JBZ- Zukunft laden wir Autorinnen und Autoren uns besonders wichtiger Bücher ein. Am 1. Juli 2021 war der Salzburger Journalist Heinrich Breidenbach zu Gast. Hans Holzinger sprach mit ihm über sein Buch „Achtung Wortkeulen. Die Sprachtricks der Schlechtmenschen“ (Im Link unsere Rezension auf prozukunft). Nachzusehen ist das Gespräch auf JBZ TV. Ein Interview mit Melanie Eichhorn erschien auf der Radiofabrik Salzburg. Hier ein kurzer Bericht von der Veranstaltung.

Heinrich Breidenbach hat als langjähriger Journalist ein Gefühl für Sprache sowie eine Sensibilität für die Macht von Begriffen. Vielen sind wohl noch seine pointierten Kommentare im „Salzburger Fenster“ in Erinnerung. Breidenbach hat als mehrjähriger Pressesprecher von LHStv. Heinrich Schellhorn die Politik sozusagen auch von „innen“ kennengelernt. Heute nimmt er über seinen Blog „Breidenbach-Texte“ immer wieder zu aktuellen Themen Stellung. In dem vor kurzem in der Salzburger Edition Tandem erschienenen Buch „Achtung: Wortkeulen. Die Sprachtricks der Schlechtmenschen“ (Link zum Shop) bürstet Breidenbach gängige konservative, wirtschaftsliberale, reaktionäre, völkische und unbedachte Begriffe gegen den Strich, so der Klappentext. Das Buch wird diesem Versprechen in besonderer Weise gerecht.

„Manche können singen, ich kann schreiben und so meinen Beitrag leisten“, meinte Breidenbach lapidar auf die Frage, warum er dieses Buch verfasst habe. Er sehe die Gefahr, dass viele der sozialen Errungenschaften sukzessive zerstört werden, der Wohlfahrtsstaat in Misskredit gerät, die Kluft zwischen Vermögenden und Normalverdienenden immer größer wird und die Umweltkrisen nicht genügend angegangen werden. In der Einleitung zum Buch steht noch mehr. Die meisten Bewohner:innen der westlichen Industriestatten gehören zu den „privilegiertesten Generationen“, „die jemals auf diesem Planeten leben durften“, heißt es da. „Jetzt ginge es darum, diese Privilegien global zu teilen und nachhaltig für kommende Generationen abzusichern. … Dabei versagen wir. Die Mehrheiten in den westlichen Demokratien wollen diese Veränderungen nicht, und fordern sie von zur Wahl stehenden PolitikerInnen auch nicht ein.“

Drei Kategorien solcher Wortkeulen, die einen offenen Diskurs verhindern, sind in dem Buch versammelt. Neoliberale Stehsätze, wenn es um Fragen einer fairen Verteilung geht, etwa die „Neiddebatte“ oder „Keine neuen Steuern“, dann Abwehrsätze im Zusammenhang mit ökologischen Herausforderungen – etwa die Ablehnung von Verboten oder die Keule mit der „Spaßbremse“; drittens völkische oder rassistische Sprüche wie „Was tut ihr eigentlich für die eigenen Leute“.

Im Gespräch ging Breidenbach auf einige der „Wortkeulen“ ein. Neid sei ein persönliches Gefühl, doch bei den Vermögensverhältnissen gehe es um strukturelle, gesellschaftliche, verteilungspolitische Fragen. Mit der „Neiddebatte“ werde davon abgelenkt. Der Sager „Keine neuen Steuern“ verkenne, was Steuern sind, nämlich Instrumente zur Finanzierung öffentlicher Leistungen und zur Steuerung im Sinne des Gemeinwohls. Argumente wie „Die Reichen spenden ja ohnedies“ würden verkennen, dass es politische Regulierungen braucht. Die stark steigende Vermögensungleichheit sei nicht nur ein soziales, sondern auch ein demokratiepolitisches Problem, wie Breidenbach an der zunehmenden Medienkonzentration und dem Medienkapital ausführte. Der Vorwurf der „Spaßbremse“ im Zusammenhang mit ökologischen Fragen wiederum sei problematisch, weil es nicht darum gehen könne, was Menschen Spaß macht, da gäbe es viele bedenkliche Beispiele aus der Geschichte, sondern was verantwortbar ist. Und Verbote gäbe es zur Genüge, die wir akzeptieren, nur im Bereich „Ökologie“ soll alles freiwillig geschehen.

Die dritte Kategorie von „Wortkeulen“, die den klassischen rechten Argumentationsfiguren zuzuordnen sind, wie „Vaterland“, „Brauchtum“ oder Stehsätze wie „Wir können nicht alle hereinlassen“, sind am ehestens bekannt und werden auch problematisiert . Breidenbach thematisiert im Buch hier aber auch Begriffe, die wohl in die Mitte der Gesellschaft hineinreichen wie „Genderwahn, „Emanze“ oder „Quotenfrau“. Es sei wichtig, auch hier klar Stellung zu beziehen, denn die Gleichberechtigung der Geschlechter komme nicht von selbst, so der Journalist. Dies führte zu einem Begriff, der in der Veranstaltung kontroverse Diskussionen auslöste, nämlich dem Begriff der „Mitte“. Die „Mitte“ sei in politischen Debatten meist positiv besetzt, als ausgleichend, Extreme vermeidend, so Breidenbach, doch die „Mitte“ toleriere, dass das Notwendige nicht getan wird.“ Sie unterstütze damit eine „in Wahrheit sehr radikale Politik mit radikalen Folgen, die aber als gemäßigt auftritt.“

Abschließend ging Breidenbach auf eine vierte Kategorie von „Wortkeulen“ ein, die dem linken oder kritischen Lager zu geordnet werden. Zu kritisieren sei der leichtfertige Gebrauch von Begriffen wie „Nazi“, „Rassist“ oder „Faschist“, der Menschen, die etwa in Sorge um ihre Zukunft seien, vorschnell in eine Schublade stecke, was dem Dialog hinderlich sei.

Resümee: Es war ein spannender und anregender Austausch mit BesucherInnen nun wieder auch vor Ort, darunter der Inhaber des Tandem-Verlags Volker Toth (was uns sehr freute). Die Schlussätze unserer Rezension auf prozukunft sollen auch hier den Abschluss bilden: Das Buch besticht durch eine differenzierte Argumentation und das Gespür für die Macht von Sprache – am Stammtisch ebenso wie im politischen und medialen Diskurs, wobei letzteres wohl politisch mehr Gewicht hat. Den Begriff des „Schlechtmenschen“ im Untertitel des Bandes erklärt Breidenbach am Ende mit Augenzwinkern. Er stehe für die Überzeugung, „dass wir besser werden müssen“, und zugleich für einen „plakativen Gegensatz zum bösen Schimpfwort vom ‚Gutmenschen‘“ (S. 116). Es ist aber durchaus keine Schande, ein guter Mensch sein zu wollen – das machen die Ausführungen des Buches mehr als deutlich!

Bericht: Hans Holzinger, Technik, Chatbetreuung, Foto und Video: Carmen Bayer

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