„Mein Leben für die Zukunft“

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Präsentation der Autobiographie „Trotzdem. Mein Leben für die Zukunft“ beim Earth Day 1992 (Foto: Delmar Mavignier, JBZ-Archiv)

 

Sucht man in Zeitdokumenten über Robert Jungk so findet man zahlreiche Charakterisierungen bzw. Berufsbezeichnungen über ihn. „Zukunftsforscher“, „Zukunftsdenker“, „Wissenschaftspublizist“, „Autor“ oder „Agitator für das Überleben“. 4,5 Millionen Exemplare zählt die Weltgesamtauflage der Bücher von Robert Jungk. Hinzu kommen seine vielfältigen Aktivitäten eben als Journalist, Kolumnist, begehrter Vortragender und Leiter zahlreicher Zukunftswerkstätten.

Wertvolle Hinweise über sein Denken und Handeln verdanken wir der Autobiographie von Robert Jungk, die er noch knapp vor seinem Lebensende fertig stellen konnte. Sie trägt den Titel „Trotzdem. Mein Leben für die Zukunft“ (1993) und gibt Einblick in ein bewegtes Jahrhundert Zeitgeschichte.

Im Folgenden eine [keinesfalls vollständige!] Übersicht über sein Leben und Wirken, gegliedert in vier Abschnitte. H. H.

Jugend und Kriegszeit

1913 als Kind einer Künstlerfamilie geboren, verbringt Jungk seine Jugend in der Geburtsstadt Berlin, wo er 1932 das Abitur ablegt. Als Kind „gleich vielen Knaben, begeistert von Fahnen, Uniformen, Marschmusik, von Sieg und Ruhm und Tod auf dem Schlachtfeld“ wird für ihn der Besuch des Berliner Antikriegs‑Museums zum „Schlüsselerlebnis“ für die Wende zum politischen Pazifismus (vgl. „Das Schlüsselerlebnis“, zit. n. Zukunft zwischen Angst und Hoffnung 1990: S. 240).

Das Berufsvorbild des Jugendlichen ist der „rasende Reporter“ Egon Erwin Kisch, ein Freund des Vaters – Jungk wird Einiges von seinem Vorbild übernehmen! Einen Tag nach dem Reichstagsbrand im Februar 1933 wird der junge Student der Berliner Universität wegen seines Auftretens gegen die „braune Propaganda“ verhaftet, kurz darauf aber wieder freigelassen. Doch der Verbleib in Deutschland war mittlerweile zu gefährlich geworden.

Flucht aus Deutschland – Exil in der Schweiz

Jungk geht zum ersten Mal ins Exil, und zwar nach Paris. Er studiert dort Psychologie und Soziologie, kehrt aber wegen einer schweren Erkrankung 1936 illegal zu seinen Eltern nach Berlin zurück, um mit diesen – nach Auffliegen seines geheimen Artikeldienstes – ein Jahr darauf erneut zu fliehen. Über Prag, wo Jungk den Maler und späteren Schriftsteller Peter Weiss kennen lernt, führt der Weg in das nun endgültige Exil in die Schweiz, wo er von 1939 bis 1945 – anders als die Mehrzahl der Mitglieder seiner jüdischen Familie – der Verfolgung durch das Hitler‑Regime entkommt.

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Robert Jungk im Schweizer Exil, wo er als junger Journalist unter Pseudonym Artikel für die Weltwoche verfasste (JBZ-Archiv)

Berichte über Hitlerdeutschland unter Pseudonym

Robert Jungk beendet in Zürich nicht nur sein Studium, sondern er verfasst unter Pseudonym für mehrere Schweizer Zeitungen, vor allem für die „Weltwoche“ Artikel und Beiträge. Unter Zuhilfenahme ihm zugänglicher Quellen informiert er als Kenner Deutschlands über die Vorgänge im Dritten Reich. Er weist in diesen Berichten mehrmals auf den Terror des NS‑Kriegsregimes hin; die aus dem polnischen und jüdischen Untergrund ab 1942 verbreiteten Nachrichten über die Gräuel der Konzentrationslager werden ihm jedoch – so ist dem Vorwort des ausgewählte Weltwoche‑Beiträge versammelnden Bandes „Deutschland von außen. Beobachtungen eines illegalen Zeitzeugen“ zu entnehmen – von niemandem geglaubt und nie gedruckt: „Den industriell betriebenen Massenmord an zahllosen Frauen, Kindern und Alten wollten sie nicht einmal Hitler zutrauen. Das überstieg – verständlicherweise – ihre Phantasie“, so Jungk im Vorwort zu dieser Textesammlung (Deutschland von außen, 1990: S. 9).

Beobachtungen eines illegalen Zeitzeugen

Von großem zeitgeschichtlichem Interesse sind insbesondere jene Beobachtungen und Analysen, die Auskunft geben über die Kriegsstrategien Hitlerdeutschlands und die psychologischen Mechanismen, die dieses Terrorregime so lange am Leben hielten. In einem Artikel vom 12.12.41 stellt Jungk zum Beispiel den Zusammenhang zwischen der nach dem Abflauen der ersten „Kriegserfolge“ sich breitmachenden Unzufriedenheit in der deutschen Bevölkerung, die u. a. über die zunehmende Zahl der Gefallenen das Leid des Krieges zu spüren bekam, und der „nochmalige(n) Verschärfung der Judenverfolgung“ dar. „Aber es scheint“, so der Autor damals vielleicht zu optimistisch, „als habe dieser Versuch, alles was an Gefühlen des Unbehagens, des Ärgers, ja des Hasses im deutschen Volk lebt, auf jene kleine, offensichtlich bereits entmachtete und beispiellos gedemütigte Gruppe zu lenken, doch nicht ganz genügt. Denn die Welle der Selbstkritik von Mund zu Mund und auch in den öffentlichen Blättern geht weiter“ (zit. n. Deutschland von außen, 1990: S. 93).

Unfassbarkeit des Holocaust

Die ab 1942 forcierten Massendeportationen in die Ostgebiete, die all jene treffen sollten, denen das Regime nicht traute, versucht ein anderer Bericht vom 31.7.42 mit der Befürchtung Hitlers zu erklären, dass sich im Zuge der bevorstehenden Eröffnung der zweiten Front gegen die Sowjetunion Revolten im „Hinterland“ bilden könnten. „Eine der Erscheinungen dieses wie jedes anderen Krieges ist die wachsende Abstumpfung gegenüber der Grausamkeit des Geschehens“, so Jungk in der Einleitung zu diesem Artikel. „Als die ersten Geiselerschießungen gemeldet wurden“, heißt es da, „ging eine Welle des Grauens über die Welt, heute hat man sich daran gewöhnt, große und immer größere Hinrichtungsziffern zu lesen. Ein Schrecken übertrumpft immer noch den vorhergehenden, und das, was gestern noch unfassbar schien, ist nun schon Alltagssitte geworden.“ (zit. n. Deutschland von außen, 1990: S. 186).

Berichte über die Nürnberger Prozesse

Nach Kriegsende wird Jungk nun unter seinem richtigen Namen ­Auslands-korrespondent wiederum vor allem für die Züricher „Weltwoche“. In seinem Bericht über die „Nürnberger Prozesse“ gegen die Hauptangeklagten des Nazi-Regimes (Weltwoche vom 23.11.45) verweist er mehrmals auf die Mitschuld der Kollaborateure im Ausland wie in Deutschland selbst: „Denn hätten wir alle früher und eindringlicher uns gegen das in Form des Nazismus heraufkommende Regime der Unmoral gestemmt, so hätte vieles doch anders kommen können, als es gekommen ist“ (zit. n. Deutschland von außen, 1990: S. 252 f).

Der von Trauer über die Unfassbarkeit der tatsächlichen Ausmaße des Holocaust bestimmte Artikel beklagt die Emotionslosigkeit der Verhandlungen und den Wunsch der Mehrheit in Deutschland, von „der Litanei der Verwüstung und des Todes« nichts mehr hören zu wollen, denn zur Trägheit des Herzens kommt heute die Müdigkeit des Herzens“. „Aus dieser heraus aber“, so Jungks Warnung damals, „droht uns schon wieder die Möglichkeit eines neuen Kriegs“ (ebd. S. 253). In seinen Memoiren fragt sich der Reporter selbstkritisch, warum „diese Tage des Zorns zu einer faden, verharmlosenden Verhandlung verkamen, in der Statistiken des Leids und des Grauens von den Anklägern so gleichgültig heruntergelesen wurden, als handle es sich um Börsenkurse“ (Trotzdem, 1993: S. 214).

Schicksal der „displaced persons“

Kritisch äußert sich Jungk auch zum Schicksal der vielen Flüchtlinge im Nachkriegseuropa, den sogenannten „displaced persons“, die von den Siegermächten nur zögernd aufgenommen wurden. Aufsehen erregt insbesondere der Weltwoche­-Artikel „Aus einem Totenland“, der sogar im britischen Unterhaus verlesen wird (vgl. Deutschland von außen 1990: S. 243 ff). Als Korrespondent in New York bei den UN lernt Jungk in den ersten Nachkriegsjahren, so ist den Memoiren zu entnehmen, die „Vereinten Nationen“ als „Vereinte Bürokraten“ kennen, eine Aussage, die seine Zeit seines Lebens gegebene Skepsis gegenüber großen Organisationen und der Politik der Diplomaten belegt (Trotzdem, 1993: S.230).

„Verlorener Friede“ – Übergang in den Kalten Krieg

Mit „Der verlorene Friede“ übertitelt Jungk jenes Kapitel der Autobiographie, in dem er den Weg von der Niederschlagung Hitlerdeutschlands in den „Kalten Krieg“ beschreibt. „Noch ehe Faschismus und Nationalismus unter Millionen Opfern ganz besiegt waren“, heißt es darin, „bereiteten schon ab 1944 einerseits die Russen, andererseits die Amerikaner einen neuen globalen Konflikt vor, der die nächsten Jahrzehnte überschatten sollte“ (Trotzdem, 1993: S. 208). Über das Ende des Krieges, „den Untergang der braunen und schwarzen Diktatur“, schreibt Jungk in der Folge:

„Nun war es endlich soweit, aber wir konnten uns nicht freuen, wie so viele andere, weil nun erst das, was bisher nur vage Vermutung, Gerücht oder bruchstückhafter Geheimbericht gewesen war, als volle unumstößliche, durch keine Hoffnung mehr korrigierbare Tatsache auf uns einstürzte: die Vergasung von Millionen Kindern, Frauen, Greisen, von Kranken und Gesunden. Die Zeitungen waren voll von Erwartungen, Hoffnungen, Projekten, Plänen. Aber uns, den Überlebenden, den Hinterbliebenen, lagen die Schatten einer Trauer, die kein Triumph, kein Trost erhellen konnte. Da half auch kein Hadern mit Gott, kein Fluch gegen die Verbrecher, kein Zorn auf alle, die das hatten geschehen lassen.“ (ebd. S. 211)

Wechsel in die USA – Heirat mit Ruth Suschitzky

1947 – 1948 arbeitet Jungk als Korrespondent europäischer Zeitungen bei der UNO in New York und in Washington. 1948 folgt die Heirat mit Ruth Suschitzky, 1949 ziehen die beiden nach Los Angeles, wo Jungk seine Korrespondententätigkeit fortsetzt.

Anschreiben gegen Atomrüstung

Die Freude über das Ende des Krieges trübt ein weiteres Ereignis: die Atombombenabwürfe auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki durch die Amerikaner am 6. und 9. August 1945, deren zerstörerische Auswirkungen Jungk später in „Strahlen aus der Asche“ (1958) eindrucksvoll schildern wird. Das „Anschreiben“ gegen das nukleare Wettrüsten und den drohenden atomaren Weltkrieg bestimmt in der Folge sein Wirken und leiten auch seinen internationalen Ruf als Buchautor ein.

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Robert Jungk mit Frau Ruth und dem 1952 geborenen Sohn Peter Stephan auf Urlaub in Salzburg  (JBZ-Archiv)

„Die Zukunft hat schon begonnen“

1952, im Jahr der Geburt des Sohnes Peter Stephan, erscheint Jungks erstes Buch „Die Zukunft hat schon begonnen. Amerikas Allmacht und Ohnmacht.“ Diese Berichte aus amerikanischen Rüstungslaboratorien, die Recherchen über geheime Atomanlagen und Atombombentests sowie die Schilderung des Land und Leben der Indios zerstörenden Uranabbaus zur Herstellung dieser tödlichen Waffen erregen Aufsehen weit über den deutschen Sprachraum hinaus. Nicht nur der „Griff nach dem Atom“, sondern auch jener nach der Natur, dem Menschen und dem Weltraum ist Gegenstand dieser Abhandlungen, die kämp­fe­risch vor dem Überschreiten immer neuer Grenzen durch die Forschung und vor dessen Folgen warnen und die der Autor insbesondere in der „neuesten Welt“ des Nachkriegsamerika ausmacht: „Erst wenn der krampfhafte Griff nach der Allmacht sich einmal löst, wenn die Hybris zusammenbricht und der Bescheidenheit Platz macht“, heißt es darin nicht ohne Pathos, „dann wird Amerika von dem wiederentdeckt werden, den es vertrieben hat: von Gott.“ (Die Zukunft hat schon begonnen, zit. n. Neuausg. 1990: S. 27.)

Weitere Bucherfolge

1956 folgt der zweite große Bucherfolg. „Heller als tausend Sonnen. Das Schicksal der Atomforscher“. Wohl als Erster hat Jungk darin die Geschichte der Atombombe und ihrer Träger beschrieben. Die aus intensiven Recherchen und zahlreichen persönlichen Gesprächen mit Atomphysikern zusammengetragenen Berichte machen deutlich, dass Naturwissenschaftler sich nicht länger auf ihre neutrale „Grundlagenforschung“ berufen können, sondern Verantwortung für die technischen, politischen und sozialen Folgen ihres Tuns zu tragen haben. „Heller als tausend Sonnen“ schildert detailreich den technologischen und industriellen Entwicklungsweg der Atomforschung von den ersten Kernspaltungsversuchen über den Bau der ersten Atombombe bis hin zur Fertigstellung der amerikanischen Wasserstoffbombe, zu der Präsident Truman 1950 den Startschuss gab. Insbesondere interessiert sich Jungk für jene Atomforscher, die auch nach 1945 bereit waren, ihre Kenntnisse in den Dienst der Militärs zu stellen. Die Schlüs­sel­figuren sind Robert Oppenheimer und Edward Teller.

In einer Neuauflage dieses Buches in den 1960er-Jahren – während der Kuba‑Krise gerät damals die Menschheit an den Rand einer atomaren Konfrontation – würdigt Jungk aber auch jene, die sich nicht nur sehr bald von der militärischen Nutzung der Atomspaltung distanzierten, sondern vor deren Gefahren auch öffentlich warnten, unter anderem im Zusammenhang mit der von Albert Einstein und Bertrand Russell gegründeten Pugwash‑Bewegung. „Versuchen wir uns einmal vorzustellen, was geschehen wäre, wenn die Atomwissenschaftler nach 1945 über die erschütternde Natur ihrer Erfindung geschwiegen hätten oder wenn sie gar auf diese Leistung stolz gewesen wären“, schreibt Jungk darin, „dann hätte die Öffentlichkeit vielleicht den Untergang von Hiroshima fast ebenso schnell vergessen wie den Untergang von Coventry, Hamburg und Dresden.“ (Heller als tausend Sonnen, zit. n. Neuausg. 1990: S. 377).

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Robert Jungk bei Recherchen in Japan zu seinem Buch „Strahlen aus der Asche“ mit einem der Informationsbeschaffer, Kaoru Ogura und dessen Familie (JBZ-Archiv)

 

Strahlen aus der Asche“

Noch im Erscheinungsjahr von „Heller als Tausend Sonnen“ fährt Jungk nach Japan, um die Recherchen zu seinem nächsten, bereits angedeuteten Buch‑Projekt über die Folgen und Opfer der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki zu beginnen. Unter anderem die beginnenden Bestrebungen in Deutschland, eine eigene Atombewaffnung zu erlangen, und das „kollektive Wegschauen“ der Bürger hätten ihn – so Jungk in seinen Erinnerungen – bewogen, dieses 1958 erschienene Buch „Strahlen aus der Asche“ zu schreiben. Anfang der 60er Jahre folgt ein gemeinsamer Film mit Dagobert Lindlau für das deutsche Fernsehen (Trotzdem, 1993: S. 305 f).

Eindrucksvoll schildert Jungk in seiner Reportage die Begegnungen mit den „hibakushas“, den überlebenden des großen „Pikadon“ (so die japanische Bezeichnung für die Atombombenabwürfe, was übersetzt „Blitz“ und „Donner“ bedeutet). Insbesondere weist er auf die viel zu wenig öffentlich bekannten Spätfolgen der radioaktiven Verstrahlungen hin, an denen die Opfer Zeit ihres Lebens leiden würden, um so der Gefahr der Verharmlosung und Verdrängung ‑ auch in Japan selbst ‑ entgegenzuwirken. „Nicht die monumentalen Repräsentationsbauten (des Wiederaufbaus)“, so Jungk im Epilog dieses in viele Sprachen übersetzten Buches, „sind Hiroshimas Mahnmale, sondern die Überlebenden, in deren Haut, Blut und Keimzellen die Erinnerung an jenem Tag‘ eingebrannt ist. Sie sind die Opfer einer ganz neuen Art von Krieg“ (Strahlen aus der Asche, zit. n. Ausg. 1990: S. 312 f).

Begegnungen mit den „hibakushas“

Die Begegnungen mit den „hibakushas“ motivieren Jungk, in den Folgejahren noch intensiver vor den Risiken des Nuklearismus zu warnen: „Als ich Hiroshima verließ, war ich ein anderer geworden. Ich wollte über Geschehenes nicht mehr nur berichten, weil es interessant, sondern weil es lebenswichtig war und daraus vielleicht Lehren für künftiges Verhalten erwachsen konnten“ (Trotzdem 1993: S. 314 f). So hält es ihn auch nicht mehr ausschließlich an seinem Schreibtisch, er engagiert sich aktiv in der deutschen „Kampf dem Atomtod“ ‑ Bewegung (1958) sowie auch in internationalen Vereinigungen wie der Pugwash‑Gruppe, eine Vereinigung von Wissenschaftler gegen die Atomrüstung, der u. a. Albert Einstein angehörte.

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Robert Jungk bei einer Demonstration der Ostermarschbewegung in Wien 1966 – im Vordergrund Sohn Peter Stephan (JBZ-Archiv)

 

Vorsitzender der Österreichischen Anti-Atom-Bewegung

Seit 1957 hat Robert Jungk seinen neuen „ständigen“ Wohnsitz in Wien. 1960 wird er Vorsitzender der Österreichischen Anti‑Atom‑Bewegung und schließt dort u. a. Freundschaft mit Günther Anders, dessen 1956 erschienener erster Band der „Antiquiertheit des Menschen“ – eine radikale philosophische Kritik des Atomzeitalters – internationales Aufsehen erregte.

Für einen Kongress des vom deutschen Schriftsteller Hans Werner Richter gegründeten „Europäischen Komitees gegen Atomrüstung“ der 1959 in London stattfindet, verfasst Jungk eine „Charta der Hoffnung“ – ein Aufruf an die Europäer, sich für die vollständige Abrüstung aller Atomwaffen einzusetzen.

„Weltwoche“ kündigt Zusammenarbeit mit Robert Jungk

Sein entschiedenes Eintreten gegen eine weitere Verbreitung der Atomwaffen – selbst in der Schweiz wurde zu dieser Zeit eine nationale Atomstreitmacht diskutiert! – kostet den engagierten Publizisten seine bisherige, sehr bewährte Zusammenarbeit mit der Züricher „Weltwoche“. Diese Kündigung, schreibt Jungk in seinen Memoiren, sei, wie er nachträglich erfahren habe, „wohl auch durch Druck aus Bonn mitbestimmt worden“, das aus einem Sonderbudget, dem sogenannten „Reptilienfonds“ eine „beträchtliche Zahl von Exemplaren“ der „Weltwoche“ abonniert hatte (Trotzdem, 1993 S. 316 f).

1966 erscheint unter dem Titel „Die große Maschine. Auf dem Weg in eine andere Welt“ eine eher wohlmeinende Reportage über das an der schweizerisch-französischen Grenze errichtete europäische Kernforschungszentrum CERN, das unter der Lei­­tung des während der NS‑Zeit in die USA emigrierten österreichischen Atomphysikers Viktor Weisskopf arbeitete und den Anspruch erhob, durch die Internationalisierung der Atomforschung – auch Wissenschaftler aus Osteuropa arbeiteten hier mit – einen Beitrag zum Weltfrieden zu leisten (Viktor Weisskopf war stellvertretender Leiter der Abteilung Theoretische Physik des Manhattan­-Projekts zur Entwicklung amerikanischer Atombomben, ehe er Leiter von CERN wurde.)

Im Rückblick betrachtete Jungk diese europäische Wissenschaftsfabrik kritischer, wenn er feststellt, dass diese weniger der Friedensstiftung gedient habe, sondern vielmehr aus der „Rivalität mit den mächtigen wissenschaftlichen Konkurrenten in den USA und der Sowjetunion“ entstanden sei (Trotzdem, 1993: S. 350).

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Robert Jungk bei einer Demonstration gegen eine geplante atomare Wiederaufbereitungsanlage in Gorleben (JBZ-Archiv)

 

Beginnender Widerstand gegen die „friedliche“ Atomenergienutzung

Die Erkenntnis, dass friedliche und militärische Nutzung der Atomenergie nicht voneinander zu trennen seien, macht Jungk zum Fürsprecher der Umweltbewegung, die sich Mitte der 70er-Jahre mit dem Widerstand gegen neue Atomkraftwerke insbesondere der Bundesrepublik Deutschland bildet und den generellen Ausstieg aus der Atomindustrie fordert. Wyhl (Schweiz, 1975) und Brokdorf (Norddeutschland, 1976) sind die ersten Brennpunkte der Auseinandersetzung. Der von langem Atem gekennzeichnete, letztlich erfolgreiche Bürgerprotest gegen die atomare Wiederaufbe­reitungsanlage in Wackersdorf (1984 ‑ 1988) wird zu einem bedeutenden Meilenstein in der Geschichte der Anti‑Atom‑Bewegung, an dem auch Jungk aktiv mitgewirkt hat.

1977 erscheint dann der wider internationales Aufsehen erregende Band „Der Atomstaat. Vom Fortschritt in die Unmenschlichkeit“, der insbesondere die gesellschaftlichen Konflikte und Gefährdungen der demokratischen Grundrechte, die Großtechnologien wie Nuklearanlagen heraufbeschwören. [Mehr siehe Kapitel Anti-Atom]

Mitbegründer der Zukunftsforschung

Zu Beginn der 1960er Jahre erwacht Jungks Interesse für die Zukunftsforschung, die international an Bedeutung gewinnt. 1964 kommt es zur Gründung des „Instituts für Zukunftsfragen“ in Wien, das nur kurze Zeit besteht, sowie zum Start der insgesamt 10 Titel umfassenden Buchreihe „Modelle für eine neue Welt“, die Jungk gemeinsam mit Hans J. Mundt herausgibt. Im Jahr 1967 folgen die Initiierung von „Mankind 2000“, einer internationalen Vereinigung, die sich die Darstellung konstruktiver Zukunftsentwürfe zum Ziel setzt, und – gemeinsam mit dem Soziologen und Friedensforscher Johan Galtung – die Organisierung der ersten Weltkonferenz für Zukunftsforschung in Oslo.

Als Honorarprofessor hält Jungk in der Gründerphase der Futurologie als Wissenschaft von 1968 bis 1975 Gastvorlesungen an der TU Berlin für das neue Fach „Zukunftsforschung“, zugleich nimmt er regelmäßig an den Weltzukunftskonferenzen teil.

1973 erscheint sein Buch „Der Jahrtausendmensch“, das von alternativen Neuanfängen aus aller Welt berichtet. In diesem Kontext ist auch die Entwicklung der Methode der Zukunftswerkstatt gemeinsam mit Studentlnnen der Berliner Universität zu sehen – eindrucksvoll beschrieben im gemeinsam mit Norbert Müllert herausgegebenen Band „Zukunfts­werkstätten“ (1980). [Mehr siehe Kapitel Zukunftswerkstätten]

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Gewaltfreie Blockade des Atomraketenstandortes Mutlangen im Jahr 1989 (JBZ-Archiv)

 

Proteste gegen den Vietnamkrieg – Neue Friedensbewegung

Eine der ersten „Begegnungen“ Jungks mit seiner neuen Heimatstadt Salzburg – die „Jungks“ wohnen seit 1970 hier – darf nicht unerwähnt bleiben. Im Mai 1972 wird Jungk bei einer Demonstration von Studenten gegen den Besuch von US-Präsident Richard Nixon, die dem Vietnamkrieg der USA galt, von der Polizei zu Boden geschlagen und auch am Kopf verletzt. Da das Fernsehen diese Szene filmte, war sie abends in den Nachrichten zu sehen. Jungk beteiligte sich aus Solidarität mit den Studenten an der Demonstration, so schreibt er in den Memoiren, zugleich wollte er aber ein Auge auf Sohn Peter werfen, der ebenfalls mitdemonstrierte, obwohl ihm einige Tage später eine Herzoperation bevorstand.

Die Kuriosität am Rande: Lord Kenneth, ein britischer Labour­abgeordneter und Freund von Robert Jungk, sollte sich am Tag nach dem Vorfall mit Henry Kissinger, damaliger Leiter des „State Department“ in der Wohnung der Jungks zu einer geheimen Unterredung treffen, was die US-Delegation dann natürlich absagte. Die beiden trafen sich in einem Salzburger Nobelrestaurant (nach: Trotzdem, 1993 S. 431ff).

Vielfältig engagiert ist Jungk auch, als sich Anfang der 80er-Jahre der Widerstand gegen die geplante Stationierung neuer atomarer „Mittelstreckenraketen“ in ganz Westeuropa formiert. Er setzt große Hoffnungen in diese „Überlebensbewegung“, die sich in den Demonstrationen von hunderttausenden Menschen in vielen europäischen Städten ebenso manifestiert wie in den gewaltfreien Blockaden an den Stationierungsorten wie Mutlangen, Greenham Common oder Comiso, an denen er auch selbst teilgenommen hat. Dokumentiert hat Jungk diesen Widerstand gegen neue Atomraketen als Beteiligter und engagierter Beobachter im Buch „Menschenbeben, Der Aufstand gegen das Unerträgliche“ (1983).

1986 erscheinen Roberts Jungks Kolumnen im Fachmagazin „bild der wissenschaft“ aus den Jahren 1972 – 1985 in dem Buch „Und Wasser bricht den Stein“. Diese Kommentare geben einen hervorragenden Einblick in die Tätigkeit Robert Jungks als kritischer Wissenschaftsjournalist. Er greift neue technische Erfindungen und deren soziale Auswirkungen auf und bewertet diese.

Bezug zu Österreich und Salzburg

Wie bereits gesagt, zieht Robert Jungk 1957 erstmals nach Österreich, nämlich nach Wien. Salzburg wird dann ab 1970 fester Wohnsitz der Jungks, wo sie in der Steingasse eine Wohnung beziehen. „Am schönsten ist die Steingasse an einem späten Sommernachmittag. Dann fällt die Sonne schräg auf die Fenster und wird in hundertfachen Spiegelungen auf den holprigen Straßenboden reflektiert“, schreibt Jungk in seinen Memoiren. Und weiter: „Wenn ich über diesen Lichtteppich gehe, weiß ich, welch Glück ich gehabt habe, als ich gerade hier eine Heimat fand.“ (Trotzdem, TB Ausg. 1994, S. 435)

Jungk schätzte auch Salzburg als Zentrum der Kultur und geistigen Auseinandersetzung. Exemplarisch erwähnt seien Jungks Mitwirkung an den „Salzburger Humanismusgespräche“ im Jahr 1980 zum Thema „Brauchen wir eine andere Wissenschaft?“, jene bei den Goldegger Dialogen 1989 zum Thema „Lebensängste – Ängste leben“, bei denen Jungk eine Zukunftswerkstatt leitete, oder das von der Robert-Jungk-Stiftung 1992 gemeinsam mit den Salzburger Festspielen ausgerichtete Symposium „Mozartische Zukunft“.

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Robert Jungk gemeinsam mit dem Begründer des Alternativen Nobelpreises Jakob von Uexküll in „seiner“ 1986 eröffneten Bibliothek für Zukunftsfragen (JBZ-Archiv)

 

Geburtstagswunsch nach einer Bibliothek für Zukunftsfragen in Salzburg

Ein 1983 zum 70. Geburtstag gegenüber dem damaligen Landeshauptmann von Salzburg, Wilfried Haslauer, geäußerter Geburtstagwunsch wird 1986 Wirklichkeit. In diesem Jahr kann Jungk in Salzburg eine „Internationale Bibliothek für Zukunftsfragen« gründen, für die er seine umfangreiche private Büchersammlung als Basis stiftet. Die Entstehung und Ziele dieser „Zukunftsbibliothek“ schildert Walter Spielmann, der gemeinsam mit Jungk die Umsetzung dieses lange gehegten Wunsches begonnen hat, in der Festschrift zum 70. Geburtstag von Robert Jungk Triebkraft Hoffnung (1993, S. 279 ‑ 294). [Mehr siehe Kapitel „Seine Bibliothek“]

1989 erscheint sein – vor den Memoiren – letztes Buch „Projekt Ermutigung. Streitschrift wieder die Resignation“, das nochmals das Zukunftsdenken Robert Jungks zusammenfasst.

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1986: Besuch von Landeshauptmann Dr. Wilfried Haslauer in der neu gegründeten Bibliothek für Zukunftsfragen

 

„Grüner“ Kandidat bei den Bundespräsidentschaftswahlen 1992

Seine Nähe zu den Umweltbewegungen und damit auch zu den neu entstehenden grünen Parteien hat den beinahe Achtzigjährigen bewogen, sich 199-1992 auf Bitte der österreichischen Grünen als Bundespräsidentschaftskandidat zur Verfügung zu stellen und dafür das Schreiben an seinen Memoiren für ein Jahr zu unterbrechen. Er erreicht im ersten Wahlgang für die Grünen 5,7 Prozent der Stimmen. Nicht, weil er sich Siegeschancen ausgerechnet hat, sondern um noch einmal „meinen Vorstellungen von einer guten Zukunft erhöhte Aufmerksamkeit zu schenken“, hat er sich für die Kandidatur entschieden (Trotzdem 1993: S.531).

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1989: Verleihung der Ehrenbürgerschaft der Stadt Salzburg durch Bürgermeister Dr. Josef Reschen (JBZ-Archiv)

 

Zahlreiche Ehrungen in Jungks letzten Lebensjahren

Von den zahlreichen Ehrungen, die Jungk in seinen letzten Lebensjahren zuteil wurden, seien ins besondere die Verleihung des »Alternativen Nobelpreises« (1986) und eine Ehrendoktorwürde der Universität Osnabrück (1993) sowie im selben Jahr das „Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst“ erwähnt. 1989 wurde Robert Jungk zum achten Ehrenbürger der Stadt Salzburg ernannt.

Kurz nach seinem 80. Geburtstag erleidet Robert Jungk einen schweren Schlaganfall, von dem er sich nicht mehr erholt. Noch einige Monate davor war er zu einer Demonstration gegen das tschechische Atomkraftwerk in Temelin mitgefahren. Fotos dieser Kundgebung zeigen, dass Jungk wohl bereits geschwächt war.

Er stirbt am 14. Juli 1994, am Tag der Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit, in Salzburg, wo er im Beisein der Familie und einiger Freunde auf dem jüdischen Friedhof in einem Ehrengrab der Stadt Salzburg beigesetzt wird. Sein Frau Ruth „folgt“ ihm etwa ein Jahr später. Sie stirbt 1995.

Text: Hans Holzinger

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