Zentrale Thesen

Die folgenden Thesen fassen Jungks Wirken zusammen und prüfen sie auf ihre Bedeutung für heute.

„Betroffene zu Beteiligten machen – kreative Zukunftsgestaltung“ – 4 Thesen
(Text: Walter Spielmann)

„Betroffene zu Beteiligten machen“ – dieser Satz charakterisiert wie kein anderer das inter- bzw. transdisziplinäre Anliegen Robert Jungks. Er fokussiert vier zentrale Themenfelder, denen sich der Begründer einer sozialen und emanzipatorischen Zukunftsgestaltung besonders verpflichtet fühlte und für die er sich als Journalist, als Sachbuchautor und nicht zuletzt auch begnadeter Redner unermüdlich engagierte.
1. Die Demokratisierung der Zukunft – Jede/r ist gefragt, auf jede/n kommt es an!
Die Zukunft ist zu wichtig, um den Interessen der (oft selbsternannten) ExpertInnen und EntscheidungsträgerInnen überlassen zu werden. Jede und jeder – so die Überzeugung von Robert Jungk – ist in der Lage, die Zukunft – gemeinsam mit anderen – eigenverantwortlich mit zu gestalten. Kritik an Bestehendem zu üben, eigene Anliegen zu formulieren und diese auch umzusetzen, ist Grundlage und Garantie für eine lebendige Gestaltung des Miteinanders.
2. Die Kontrolle von Wissenschaft, Technik und Macht
Der wissenschaftlich-militärische Komplex – das gilt insbesondere auch im Prozess der Globalisierung – führt zu permanenter Akkumulation von Macht. Die Risiken technologischer Allmachtsphantasien – insbesondere der Atom- und der Gentechnologie – gefährden unsere Zukunft und haben die zunehmende Einschränkung individueller Selbstbestimmung zur Folge. Um hier gegenzusteuern, bedarf es der aufmerksamen und kritischen Kontrolle durch eigenständige Medien und gut informierte, mündige und engagierte Bürgerinnen und Bürger. Wissenschaft und Forschung sollen nicht den Interessen der Macht und des Kapitals, sondern den Bedürfnissen der Machtlosen und Bedürftigen dienen.
3. Der Einsatz für Gerechtigkeit und humane Lebensformen
Im Wissen um die Schönheit und Verletzlichkeit des Planeten Erde liegt es in unser aller Verantwortung, für gerechte, nachhaltige und lebenswerte Formen des Miteinanders auf allen Ebenen einzutreten. Nicht technologische, sondern soziale Erfindungen – neue Formen des familiären, des gesellschaftlichen Miteinanders, des Wohnens, der Begegnung der Kulturen, der Mobilität, der Arbeit und nicht zuletzt auch der Muße – dies und vieles mehr sollte in Diskursen und nicht zuletzt in Zukunftswerkstätten entwickelt, erprobt und stetig verbessert werden.
4. Kreativität und Kunst als Seismograf des Kommenden
Mit Nachdruck warb Robert Jungk schließlich für die Wertschätzung und Förderung von Kreativität. Vor allem Kunstschaffende aller Sparten sah er als „ewige Revolutionäre“, als Seismografen und Wegbereiter des Kommenden, die vielfach wacher und sensibler für das Denkbare und Wünschenswerte Spuren in die Zukunft legen könnten, aber auch als Mahner und Warner eine wichtige Funktion erfüllen. Zugleich aber war Robert Jungk davon überzeugt, dass das vor allem bei Kindern und Jungendlichen vielfach noch erkenn- und greifbare kreative Potenzial in jedem Erwachsenen noch vorhanden ist und nur darauf wartet, geweckt zu werden.
„Widerstand gegen Atomrüstung, inhumane Technik und die Kraft neuer sozialer Bewegungen“ –  6 Thesen (Text: Hans Holzinger)

These 1: Die Dominanz des naturwissenschaftlich-tech­ni­schen Fortschrittsdenkens führt zur Inhumanisierung der Gesellschaft. Am deutlichsten zeigt sich dies in der Rüstungsforschung sowie in der Entwicklung atomarer Großanlagen.
Robert Jungk zählt zu den zentralen Persönlichkeiten sowohl der ersten Friedensbewegung gegen atomare Aufrüstung in den 1950er-Jahren (Pugwash-Bewegung) wie auch der zweiten Friedensbewegung in den 1980er-Jahren, die gegen die Zuspitzung des Wettrüstens durch die so genannten „Mittelstreckenraketen“, die im Falle eines Atomkrieges Europa als „Schauplatz“ gehabt hätten, sowie die Entwicklung von SDI – der Verlagerung des Krieges in den Weltraum – protestierten. Er äußerte sich kritisch zu beiden Lagern, die den Systemstreit auf dem Rücken der erpressten Bevölkerungen ausgetragen hätten (s. Trotzdem. Mein Leben für die Zukunft. München 1993, S. 257). Er bemühte sich aber auch um Dialoge und Kontakte zwischen Ost und West. Aus meiner Sicht steht fest, dass diese neue Friedensbewegung wesentlich zu den Reformschritten durch Michail Gorbatschow in der UdSSR sowie letztlich zur Überwindung des „Kalten Krieges“ geführt hat.
Fest steht aber auch, dass die versprochene Friedensdividende nie eingelöst wurde, die Rüstungsausgaben so hoch sind wie nie zuvor – über 1 Billion Dollar rechnet das Friedensforschungsinstitut SIPRI vor –, dass es nach dem Kalten Krieg bereits zu mehreren „heißen“ Kriegen gekommen ist (Jugoslawien, Irak, Lybien) und dass neue mögliche Konfrontationen bevorstehen. So wird etwa in China und Japan derzeit extrem aufgerüstet. Jungks These stimmt hier wohl: Der Ausstieg aus der Rüstungs(forschungs)spirale ist nicht geschafft worden. Dass Barack Obama die in Aussicht gestellten Abrüstungsschritte und Kürzungen des US-Militärhaushaltes nicht gegen die Rüstungslobby durchsetzen konnte, zeigt, wie schwer eine Demilitarisierung der Welt fällt.
Hinsichtlich Atomenergienutzung sind die Widerstände aufgrund von „Fukushima“ erneut gewachsen. Zu Recht: Neben den Risiken der AKWs ist das Langfristproblem der Endlagerung radioaktiven Abfalls alles andere als gelöst. Die Sicherheitsstandards in den neuen AKWs werden sicher besser sein als jene der alten Anlagen aus den 1960er- und 1970er-Jahren, auch wenn es fahrlässig wäre, von Risikofreiheit zu sprechen. Auch dass die Atomkatastrophe von Tschernobyl nun über 20 Jahre her ist – das kollektive Gedächtnis ist bekannter Weise von gegrenzter Reichweite – und ganz große Störfälle seither nicht bekannt geworden sind, mag zum Abflauen der Proteste beigetragen haben. Zu erheben wäre, ob sich die Anrainer von Atomanlagen mittlerweile an ihre großtechnischen Nachbarn gewöhnt (Gewöhnungseffekt) oder ob sie einfach resigniert haben.
Meines Wissens gibt es in Europa nur zwei Staaten – außer dem Vatikan –, in dem es nach wie vor Bevölkerungsmehrheiten gegen AKWs gibt: Österreich und Deutschland. In beiden Ländern hätte der Neubau von AKWs derzeit keine politische Chance.
Dass die Atomenergienutzung in den Polizeistaat führt, stimmt in dieser drastischen Form, wie von Jungk befürchtet, nicht. Doch die Probe aufs Exempel wäre erst zu machen, wenn es zu einer Krisensituation kommt: vertuschte Unfälle, Verschwinden von größeren Mengen von radioaktivem Material, Gefahr terroristischer Erpressung.

These 2: Großindustrielle Anwendungen haben den Charakter von Forschung und ForscherInnen verändert. Nicht mehr das Interesse an neuen Erkenntnissen, sondern die Akquisition lukrativer Aufträge tritt in den Vordergrund.
Am Beispiel der „Schnellen Brüter“ zeigt Jungk, wie (zumindest in Deutschland) durch großmundige Versprechen, Herunterspielen der Risiken und anfangs stark untertriebene Kostenangaben die Politik für das Projekt interessiert wurde. Er spricht von „project swinging“, was nichts anderes bedeutet, als dass Projekte ohne gesicherte Erkenntnisse als realisierbar angepriesen werden, um an weitere Forschungsmittel zu gelangen. Dieser „verwegene spekulative Forschungsstil“ sei in den Rüstungslaboratorien des Zweiten Weltkriegs geboren worden und erstmals an militärischen Großprojekten erprobt worden (Der Atomstaat, 1984, S.45f). Dahinter stand wohl auch die enorme Technikeuphorie der 1950er-Jahre, für die paradigmatisch der Ausspruch von Hermann Kahn stand „Das Undenkbare denken“, wobei der Zukunftsprophet nicht soziale Kreativität gemeint hatte, sondern eben undenkbare Techno-Zukünfte wie etwa Unterseekolonien, in denen Lebensmittel erzeugt werden, oder atomgetriebene Flugzeuge (vgl. Hermann Kahn, Anthony J. Wiener: Ihr werdet es erleben. Wien [u. a.] 1967).
Als aktuelles Beispiel für diesen Forschungsstil kann die Kernfusion angeführt werden. Alexander M. Bradshaw, Leiter des deutschen Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik, lobt diese als Energie der Zukunft, spätestens die Ende des 21. Jahrhunderts serienreif sein soll. „Ihre umweltfreundlichen Eigenschaften – praktisch CO2-freie Energieerzeugung bei konkurrenzfähigen Kosten, geringe Lebensdauer der radioaktiven Abfälle und die physikalische Unmöglichkeit eines nuklearen Durchgehen“ machen, so Bradshaw, die Kernfusion zu einer attraktiven Option.“ Der Wissenschaftler räumt zwar ein, dass sich Fusion heute erst in Entwicklung befinde, „deren Erfolg letztlich nicht garantiert werden kann.“ (Alex Bradshaw: Kernfusion: Klimaretter oder Utopie? In: Chemie Ingenieur Technik, 80, 2008, S. 308) Die „Herausforderung“: das Plasma, in dem die Atomkerne der verwendeten Materialien Lithium und Deuterium zur Verschmelzung gebracht werden sollen, muss auf eine Temperatur von 100.000 bis 200.000 Grad Celsius (!) erhitzt werden. Derzeit verbraucht die Kernfusion bedeutend mehr Energie als sie erzeugt.
Der erste Versuchsreaktor ITER (lat. Der Weg) wird in Cadarache in Südfrankreich gebaut. Baubeginn dieser Koproduktion von China, Europa, Japan, Russland, Südkorea und USA war 2009. Die Grundlagenarbeit stammt übrigens zu großen Teilen vom Max-Planck-Institut für Plasmaphysik, dem Bradshaw bis 2088 vorstand.
Robert Jungks These von der Eigendynamik der Forschung, die immer neue Mittel lukrieren will, bleibt aktuell.

These 3: Großtechnologien werden immer Unbehagen bei den Menschen auslösen, da sie sich zu Recht von der Kontrollierbarkeit der Risiken ausgeschlossen fühlen.
Jungk zitiert in „Der Atomstaat“ die österreichische, damals am IIASA (International Institute für Applied Systems Analysis) in Wien/Laxemburg tätige Wissenschaftlerin Helga Novotny, die meinte, „dass die Opposition gegen Kernkraft ihre Wurzeln in dem Widerstand gegen jene hat, die aus der zunehmenden wirtschaftlichen und politischen Konzentration Nutzen ziehen. Sie ist gerichtet gegen die Großindustrie, die mit dem Großstaat und der Großwissenschaft gemeinsame Sache macht. Es ist Widerstand derjenigen, die sich ohnmächtig und klein angesichts dieser Entwicklung fühlen.“ (Der Atomstaat, 1977, zit. n. Ausgabe 1979 S. 77f) Dieser Befund hat seine Gültigkeit behalten und untergräbt weiterhin die Demokratie.

These 4: Um eine transparente, demokratische Auseinadersetzung mit Großtechnologien zu ermöglichen, braucht es insbesondere Menschen aus dem „System“, die auf die verschwiegenen Schattenseiten, Risiken und Unwägbarkeiten der modernen Großtechnologie hinweisen.
Robert Jungk hat sich in seinen Recherchen immer wieder auf solche „Konvertiten“ berufen – und auch auf solche, die zwar namentlich nicht genannt werden sollten, um ihre Karriere nicht aufs Spiel zusetzen, ihm aber wichtige Insiderinformationen weitergegeben haben. Im Buch „Menschenbeben“, das über die zweite Friedensbewegung der 1980er-Jahre berichtet, widmet Jungk diesen kritischen Umdenkern und den sogenannten „whistle blowers“, den verdeckten Informanten, ein eigenes Kapitel (Menschenbeben, 1983, S. 19 –39).
Aufgrund der zunehmenden Komplexität in der Moderne kommt diesen Kritikern und Kritikerinnen aus dem „System“ eine eminent wichtige, demokratiepolitische Rolle zu. Dies lässt sich auf viele Bereiche übertragen, etwa auch auf die aktuelle internationale Finanzkrise, die viel mehr ExpertInnen bräuchte, die gegen den Mainstream und die nun empfohlenen „Lösungen“ auftreten.

These 5: Die parlamentarische Demokratie allein ist nicht mehr in der Lage, jene kritische Öffentlichkeit herzustellen, die nötig ist, um auf Gefahren möglicher Fehlentwicklungen hinzuweisen und Kurskorrekturen in die Wege zu leiten.
Politische Parteien sind häufig mit den Interessen von Wirtschaftslobbys verstrickt, was deren Fähigkeit zu kritischer Distanz unterminiert. Eine neue politische Kraft, der diese Aufgabe zukommt, ist in den sozialen Bewegungen, den Bürgerinitiativen und der Zivilgesellschaft auszumachen.
Es fehlt hier der Platz, um auf das Demokratieverständnis von Jungk näher einzugehen, das geprägt war von einer aktiven Bürgergesellschaft und dem Prinzip der Selbstorganisation der BürgerInnen [siehe auch Thesen von Walter Spielmann]. Die Friedens-, Frauen-, Menschenrechts-, Umwelt-, Anti-AKW-Bewegungen – und nun aktuell etwa die wirtschaftskritische Gruppe Attac – der letzten Jahrzehnte geben Jungk Recht. Der innovative politische Faktor der gegenwärtigen parlamentarischen Demokratie sind die so genannten Nicht-Regierungs-Organisationen (NGOs).
Hinsichtlich Nutzung der Atomenergie ist der Widerstand erst wieder durch „Fukushima“ erwacht – von einzelnen Protesten gegen Atommüll-Transporte abgesehen. In Österreich und Deutschland gibt es nach wie vor breite Mehrheiten für die Ablehnung von Atomkraft, in anderen europäischen Ländern schien dies lange nicht so zu sein. Das mag an den von der Anti-AKW-Bewegung erreichten Verbesserungen der Sicherheitsstandards liegen, wohl auch daran, dass es zuletzt keine größeren AKW-Unfälle gegeben hat. Und es hat damit zu tun, dass die Problematik der Endlagerung radioaktiven Materials von der Politik weitgehend aufgeschoben wurde. „Fukushima“ hat die Situation verändert – etwa in Japan selbst oder auch in der Atom-Nation Frankreich regt sich breiterer Widerstand. Der Ausgang ist noch offen. Wahrscheinlich wird – über die Katastrophe von „Fukushima“ hinaus – die näher rückende Herausforderung der Endlagerung uns an die Tücken des Nuklearismus erinnern.

These 6: Bewegungen für einen einfachen Lebensstil jenseits des Konsumismus, nicht entfremdende Arbeitsplätze, neue Wege dezentraler Energiegewinnung und Ernährungssouveränität, neue Formen der Nachbarschaft und wirtschaftliche Kooperation werden zu einer kulturellen Erneuerung der Wohlstandsdemokratien führen.
Diese Überzeugung, die Jungk etwa mit dem Psychoanalytiker und Konsumkritiker Erich Fromm, dem Entwicklungskritiker Ivan Illich oder dem Vertreter des menschlichen Maßes Leopold Kohr teilte, hat sich bisher leider nicht oder nur in Nischen bewahrheitet. Die Macht der Unterhaltungs- und Eventindustrie, das Entertainment der Massenmedien sowie die massive Propaganda der Werbeindustrie haben die Hirne und Herzen der Menschen offensichtlich stärker besetzt als die Utopien eines einfachen, solidarischen und lustvollen Lebensstils, in denen Konkurrenz durch Kooperation und Gemeinsinn abgelöst wird. Klaus Firlei, Präsident der Robert-Jungk-Stiftung, spricht in diesem Zusammenhang von „Erlebniskapitalismus“, der zwecks Profit und Kapitalverwertung immer stärker in die ehemals privaten Sphären der Gefühle und Erlebnisse eingreift. Der westliche, ressourcenintensive Lebenstil breitet sich vielmehr auf alle Kontinente aus und erfasst den ganzen Globus. Ein Drittel der so genannten „transnationalen Konsumentenklasse“ lebt mittlerweile in den Ländern des Südens. Ihre Merkmale sind: fleischzentriert, autofixiert, geräteintensiv – drei Merkmale mit hohem Energieverbrauch!